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Untersuchungsbericht:Kirche vertuschte Missbrauch systematisch

Schwere Vorwürfe auf 250 Seiten: Im Erzbistum München sollen laut einem Gutachten Missbrauchsfälle systematisch vertuscht worden sein. Sogar Akten seien vernichtet worden.

Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., kommt nur einmal vor in dieser Mittagsstunde im Sitzungssaal des Ordinariats. Ein Priester habe an den damaligen Erzbischof von München und Freising geschrieben, einer, der im Verdacht stand, Kinder sexuell belästigt zu haben. Er sollte suspendiert werden, sein Brief triefte vor Selbstmitleid. Ratzinger blieb hart: Der Mann durfte nicht länger Pfarrer sein.

Münchner Erzbistum legt Missbrauchsbericht vor

Kardinal Reinhard Marx plädiert für schonungslose Aufklärung. Links neben ihm: Rechtsanwältin Marion Westpfahl, die Autorin des Gutachtens.

(Foto: dpa)

Die Journalisten fragen nach: Was ist mit dem Fall des übergriffigen Pfarrers Peter H., der im Frühjahr solche Wellen schlug? Zu ihm, der zu Ratzingers Zeit aus Essen kam und alsbald in München eingesetzt wurde, kann Rechtsanwältin Marion Westpfahl nichts sagen. H. kommt nicht vor in den 13.200 Personalakten, die ihre Kanzlei gesichtet hat. Es bleibt nur die gute Geschichte vom heutigen Papst.

Es ist die einzige gute Geschichte, von der Westpfahl berichtet, die da zwischen Kardinal Reinhard Marx und Peter Beer, dem Generalvikar des Erzbistums, sitzt - und dass sie der heutigen Führungsriege "unbedingten Aufklärungswillen" attestiert. Mehr als ein halbes Jahr lang hat sie untersucht, wie das Erzbistum von 1945 bis 2009 mit Fällen von sexueller und körperlicher Gewalt umgegangen ist, 250 Seiten umfasst ihr Bericht, der "aus Datenschutzgründen" nur in "Kernaussagen" veröffentlicht wird.

Demnach wurde im Ordinariat systematisch vertuscht, es hätten "Aktenvernichtungen in erheblichem Umfang" stattgefunden, sagt Westpfahl. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung bewahrte Personalreferent Friedrich Fahr Aktenbestände bis zum Tod in seiner Wohnung auf; Fahr war es, der Anfang 1980 den auffällig gewordenen Priester H. von Essen nach München holte. Überhaupt wiesen viele Akten, so Westpfahl, "teilweise offenkundige Lücken" auf.

Wurden Priester in andere Bistümer versetzt, fehlen die Gründe dafür. Ging es um Sexualdelikte, findet sich ein "euphemistischer und verharmlosender Sprachgebrauch", der es oft unmöglich macht zu erahnen, was geschah, wie schwerwiegend der Übergriff war, welche Folgen er für die Opfer hatte. Die Täter wurden fast nie bestraft, sofern sie Priester waren; ein "fehlinterpretiertes klerikales Selbstverständnis" habe den "rücksichtslosen Schutz des eigenen Standes im Auge gehabt. Zudem, sagt Westpfahl, hätten "homosexuell veranlagte Kleriker" einem "besonderen Erpressungspotential" unterlegen.

Vertreter der Missbrauchsopfer abgewiesen

Auch deshalb geht die Anwältin von einer "erheblichen Dunkelziffer" aus, was die Zahl der Fälle und Täter angeht - zu Opferzahlen kann sie überhaupt nicht sagen. 159 Priester wurden - der Aktenlage zufolge - auffällig, 26 von ihnen verurteilt, keiner von ihnen lebt mehr. Bei 17 weiteren ist davon auszugehen, dass sie strafbare Sexualdelikte verübten; zwei wurden wegen körperlicher Gewalt verurteilt, bei 36 weiteren finden sich Nachrichten über Gewalttaten in den Akten.

Auffällig wurden zudem 15 Diakone, sechs Laien-Mitarbeiter, 96 Religionslehrer im Kirchendienst. "In den meisten Fällen begegnet den Gutachtern eine psychisch und physisch gering belastbare Persönlichkeit", erklärt die Anwältin, Männer zwischen 45 und 65 Jahren, die überwiegend auf dem Land eingesetzt sind, häufig mit dem Alltag nicht zurechtkommen und oft alkoholabhängig sind.

Egal, ob die Münchner Kardinäle Döpfner, Ratzinger oder Wetter hießen - die Opfer sexueller Gewalt fanden in dieser Zeit kein Gehör, die Täter dagegen Schutz bis an den Rand der Strafvereitelung. Das soll anders werden, das versprechen sie, der neue Generalvikar, der frischgekürte Kardinal. Die Aktenführung soll besser werden, ein umfassendes Präventionskonzept ist in Arbeit, berichtet Beer.

Am Anfang der Pressekonferenz hatte Marx gesagt: "Das Jahr 2010 ist für die Kirche zu einem Jahr der Buße geworden". Die schonungslosen Aufklärung sei "ohne Alternative." Da war ein Vertreter der Missbrauchsopfer des Klosters Ettal schon wieder auf dem Heimweg: Er war an der Pforte des Ordinariats abgewiesen worden; die Pressekonferenz sei nur für Journalisten.