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Unterschleißheim:Eingehüllt in Sehnsucht

Präsentierten einen von Klangschönheit und Melancholie durchwirkten Abend: Pianist Martin Stadtfeld und Rezitatorin Iris Berben.

(Foto: Catherina Hess)

Schauspielerin Iris Berben und Pianist Martin Stadtfeld inszenieren einen berührenden Abend mit Gedichten von Selma Meerbaum-Eisinger und klassischer Musik.

Das erste Gedicht des Abends trägt den Titel "Ja". In ein schwarzes Kleid gewandet, die Lesebrille auf der Nase, trägt Iris Berben das kurze Werk der jüdischen Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger mit weicher, klarer Stimme vor. "Du bist so weit. So weit wie ein Stern, den ich zu fassen geglaubt..." Und es endet mit den Zeilen "Und doch bist du da - nur blass wie ein Traum in meinem Schoß. Ja."

Ja. Ein Wort, in dem sich vieles verdichtet, was diese junge Frau, die ja eigentlich noch ein Mädchen war, als sie 1942 im Alter von 18 Jahren im SS-Arbeitslager Michailowka an Fleckfieber starb - so ausmachte: Eine tiefe Sehnsucht nach Liebe, eine leise Melancholie, aber auch der Wille, sich vor dem Hintergrund unmittelbarer Bedrohung nicht abbringen zu lassen von jugendlicher Hoffnung. Berben blickt danach ins Publikum im Unterschleißheimer Bürgerhaus. Die Schauspielerin weiß, wie man Wirkung erzielt. Sie rezitiert Molière: "Die große Ambition der Frauen ist die Ermutigung zur Liebe" und überträgt das Bonmot auf die lange vergessene Dichterin Meerbaum-Eisinger. "Selma hat entschieden Ja zu dieser Ambition gesagt." Aber Berben, die den Abend "Ich bin in Sehnsucht eingehüllt" im Unterschleißheimer Bürgerhaus gemeinsam mit dem Pianisten Martin Stadtfeld gestaltet, liegt noch etwas anderes am Herzen.

Die 1924 in Czernowitz/Bukowina geborene Meerbaum-Eisinger, eine entfernte Verwandte des ebenfalls dort geborenen Paul Celan - war sicherlich "keine politisch engagierte Literatin", wie sie sagt. Und dennoch kann man ihre so zeitlos schönen Gedichte nicht hören, ohne den geschichtlichen Hintergrund mitzudenken und die Kürze ihres Lebens. Ein erfülltes Leben lasse sich eben nicht in Jahren bemessen, erklärt Berben dem Publikum und findet dafür den schönen Satz: "Sie hat damals mit ihrer Liebe nicht die Zeit, aber den Wahnsinn der Zeit besiegt." Und was bei diesem jungen, sensiblen und auch schon erstaunlich reifen Mädchen - ähnlich wie bei Anne Frank - darüber hinaus so berührt, ist dieser Mut, dieser widerständige Lebenswille, der trotz der Gefahren im Ghetto oder Lager, in ihre Zeilen floss.

"Lassen Sie uns gemeinsam gegen den Hass antreten."

Für Iris Berben, die sich seit vielen Jahren gegen Rechtsextremismus und Rassismus engagiert, ist diese Thematik eine Herzensangelegenheit, bei der aber eben auch der gesellschaftspolitische Aspekt mitschwingt: Sie dankt dem Publikum fürs Kommen und sagt mit Blick auf das aktuelle Wiedererstarken rechter, fremdenfeindlicher Gedanken: "Lassen Sie uns gemeinsam gegen den Hass antreten. Wir dürfen nicht in Fassungslosigkeit erstarren." Sie erntet spontanen Applaus.

Freilich: Im Zentrum des Abend steht natürlich weniger die politische Botschaft, als vielmehr der Zauber des Klanges, sowohl des Wortes als auch der Musik. Martin Stadtfeld, mehrfacher Echo-Klassik-Preisträger und seit kurzem mit Berben für das Projekt "Ich bin in Sehnsucht eingehüllt" auf Tournee, erweist sich dabei als sensibler, versierter musikalischer Begleiter. Seinem Anspruch, die Musik zwischen den Gedichten von Meerbaum, oder auch Paul Celans, Hilde Domins und Mascha Kaléko als potenziellen emotionalen Verstärker zu gestalten und Räume zum Nachsinnen zu schaffen, wird er in Unterschleißheim gerecht.

Lyrik Sehnsucht nach Liebe
Lyrik

Sehnsucht nach Liebe

Die Schauspielerin Iris Berben liest Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger, Martin Stadtfeld begleitet sie am Klavier   Von Udo Watter

Dem Bach-Experten wird ja immer wieder mal vorgeworfen, allzu kalkuliert, virtuos rabiat und betont originell vorzugehen. In seiner Auswahl für dieses Programm findet er fast immer den richtigen Ton. So interpretiert er etwa Schuberts Sonate in B-Dur, die immer wieder von Berbens Rezitationen unterbrochen werden, sehr eindrucksvoll. Er entfaltet von Beginn an warme, dunkle Klangfarben ohne Schmelz, entwickelt im Andante eine langsam federnde Empfindsamkeit, zeigt aber auch im Allegro virtuoses manuelles Können, das er mit einer für ihn nicht untypischen, fast arrogant anmutenden Lässigkeit präsentiert. Schön auch Bachs Kanon über die ersten acht Fundamentalnoten der Goldberg-Variationen, der gleichsam unendlich gespielt werden kann und den er quasi irgendwann echohaft in den Raum hinein entlässt. Zeit zum Nachsinnen.

Es berührt, wenn Berben die wehmütigen Zeilen liest

Dass die Klangphänomene Poesie und Musik eine zauberische Wirkung eingehen können, zeigt sich auch im zweiten Teil des Abends, als Berbens Stimme bei einigen Rezitationen über dem dunkel fließenden Klaviersound schwebt. Neben der Lyrik Meerbaum-Eisinger, deren erhaltenen Gedichte auf abenteuerliche Weise gerettet wurden, und die erst Jahrzehnte später wieder entdeckt wurden, las die 66-Jährige auch Werke von Celan ("Die Todesfuge"), Hilde Domin ("Nur eine Rose als Stütze") oder Mascha Kaléko ("Das berühmte Gefühl"). Gerade Hilde Domin hat sich auch verdient gemacht, um die Wiederentdeckung Meerbaum-Eisingers, sie sagte darüber: "Es ist eine Lyrik, die man weinend vor Aufregung liest: so rein, so schön, so hell und so bedroht." Und Berben ist eine kongeniale Rezitatorin dieser zart-fragilen, sehnsuchtstrunkenen, schwebenden, mitunter von Todesahnung überschatteten Werke. Nuanciert, klar, mit leicht vibrierenden Timbre, aber auch bestimmt und eindringlich in aufwühlenden, verzweifelten Passagen ("Und möchte frei sein und atmen und schrein. Ich will nicht sterben. Nein! Nein."). Es berührt, wenn sie die wehmütigen Zeilen liest: "Sehnsucht hab' ich wohl nach dem Glück? Nach dem Glück. Fragen möcht' ich: Kommt es zurück? Nie zurück." Der Abend klingt aus mit Schumanns "Der Dichter spricht" aus seinen "Kinderszenen." Schön. Und traurig.