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Tassilo:Mit Schirm, Charme und Melodie

Regenschirmpoeten am Unterschleißheimer See

Sofasurfen am See: Fast alle Mitglieder der "Regenschirmpoeten" wie Gabriel Richter (links) und Marie Berkholz (rechts) sind zwischen 14 und 19 Jahre alt, aber auch Leiterin Sophie Kompe versteht sich aufs jugendlich-lässige Posieren. Eigen ist ihnen allen die Liebe zur Sprache und poetischen Performance.

(Foto: Florian Peljak)

Kandidaten für den SZ-Kulturpreis: Die Unterschleißheimerin Sophie Kompe leitet die "Regenschirmpoeten", eine Gruppe junger Wortakrobaten, die sich auf der Bühne wie vor der Kamera kreativ entfalten.

Von Udo Watter, Unterschleißheim

Man steigt nie zweimal in denselben Fluss, sagt der Philosoph Heraklit, aber auch an einem stehenden Gewässer steht die Zeit nicht still. Anfang des Jahres, als der Winter die Pandemie noch begleitete, stieg Sophie Kompe ins Wasser - am Unterschleißheimer See. Das Ufer war schneegezuckert und auf der Oberfläche schwammen Eisplatten, die 35-jährige Autorin tauchte am Ende dennoch mitsamt Mütze unter. Mit ihrem Poetry-Clip "Eiszeit" eröffnete sie am 11. Februar die "Dreh-durch-Donnerstage", eine Reihe, mit der sich die Mitglieder der von ihr gegründeten Gruppe "Regenschirmpoeten" seither allwöchentlich in einem kurzen Film präsentierten - poetische Momentaufnahmen, die Bild und Klang lyrisch zu verschmelzen suchten. "Im Eiszeitalter ist alles zu, im Zoo vereinsamt das Känguru", hört man Kompes Stimme aus dem Off.

Mittlerweile sind anderthalb Monate vergangen, die Couch, auf der sie während des damaligen Drehs posiert hatte, ist auch an diesem sonnenklaren Frühlingstag wieder am grünen Ufer platziert. Kompe hat sie zum Treffen mitgebracht und noch zwei Nachwuchsdichter: Gabriel Richter, 15, und Marie Berkholz, 18. Ein Sinn für Inszenierung und Accessoires gehört eben dazu, denn die jungen Poetry-Artisten sind nicht nur stille Lyrik-Genießer, sondern leben ihr Faible für Rhythmus, Reim und Sprachmelodie auch auf der Bühne aus: Performance ist ein wichtiger Teil des Selbstverständnisses der zehnköpfigen Gruppe, deren Mitglieder fast alle das Unterschleißheimer Carl-Orff-Gymnasium besuchen.

"Wichtig ist, dass der Text bühnentauglich ist", sagt Kompe, die selbst als Poetry-Slammerin Erfahrung hat, aber auch Kinderbücher schreibt. Marie Berkholz, die so wirkt, als rücke sie der Welt eher leise und melancholisch auf den Grund, ist keine Meisterin des knackigen Reims, hat aber einen sensitiven Blick und liebt den lyrischen Auftritt: "Man kann viel mit Rhythmus machen, das ist sehr cool", sagt sie. Gabriel Richter besitzt andere Qualitäten, er verarbeitet Erfahrungen in leicht fiktionalisierter, humorvoller Art. Zupass kommt ihm sein lakonisch-selbstironisches Timbre. Ein Talent der Komik: "Ich muss mich gar nicht groß verstellen", erklärt er. Und mit Blick auf seine Nachbarin Marie: "Jeder von uns schreibt anders. Einige gehen in die nachdenkliche Richtung, andere in die komische."

Konkurrenz untereinander gibt es dabei nicht, das versichern die beiden, man befeuert sich eher gegenseitig. "Ich habe zur Gruppe gesagt. Wir werden nie gegeneinander antreten, sondern immer im Team", sagt Kompe, die selbst bei Poetry-Slams unschöne Erfahrungen mit Konkurrenzdenken gemacht hat. Dass eine Gruppe junger Autorinnen und Dichter, alle zwischen 14 und 19 Jahren, sich schon seit mehr als zwei Jahren regelmäßig trifft, um gemeinsam mit Sprache zu jonglieren, frei zu erzählen, zu rappen, zu reimen und auch öffentlich aufzutreten, ist nicht nur für Kompe etwas ganz Besonderes. Auch Berkholz und Richter spüren das: "Wenn man anderen Jugendlichen davon erzählt, die kennen so was nicht."

Sieben Kurzfilme in den vergangenen zwei Monaten

Vor der pandemiebedingten Bühnenpause konnte man die Regenschirmpoeten, die es seit 2018 gibt, für Veranstaltungen buchen, für die sie im Vorfeld oder als stille Beobachter Inspiration für passende, lyrische Bühnenbeiträge sammelten - unter anderem traten sie bei den "Lichtblicke"-Benefikonzerten in Unterschleißheim auf, wo sie die Spendenprojekte beschrieben. In den zurückliegenden zwei Monaten waren es nun sieben Kurzfilme, sogenannte Poetry-Clips, die immer donnerstags auf Youtube veröffentlicht wurden (https://diewortakrobaten.com/nachwuchs/), und in denen sich die Mitglieder schöpferisch entfalteten.

Entwickelt hat sich die Dichter-Gruppe aus einem ursprünglich einmaligen Workshop bei einer Ehrenamtsmesse, die das Landratsamt München im Herbst 2018 in Unterschleißheim veranstaltete. Kompe, die für die Nachbarschaftshilfe und das Familienzentrum die Öffentlichkeitsarbeit macht, wurde dabei spontan verpflichtet, diesen Workshop abzuhalten. "Die Freude am Sprechen und an der Sprache", die sie gerne vermittelt, war offenbar nachhaltig ansteckend. Eltern von Teilnehmern sprachen sie später an, ob sie nicht weitermachen wolle. Sie wollte und man begann zunächst noch unter dem Namen "Junior-Wortakrobaten". Normal unterrichtet Kompe die Teenager einmal in der Woche ehrenamtlich im Jugendkulturhaus Gleis 1 - in Pandemiezeiten freilich per Videokonferenz. Im Fokus steht die gesprochene Sprache. Rechtschreibung ist nicht so wichtig, auch Legastheniker waren schon in der Gruppe. Kompe will bei den Jugendlichen selbstbewusstes Auftreten fördern.

Der jetzige Name "Regenschirmpoeten" ist von Carl Spitzwegs Bild "Der arme Poet" inspiriert: Der hat in seiner Dachstube über der Schlafstelle einen Schirm hängen, zum Schutz vor Nässe, die durchs marode Dach dringt. "Junior-Wortakrobaten" schien irgendwann unpassend und so mündete einer der Übungsabende, bei denen auch Pommes frittes verzehrt wurden, in die charmante Assoziationskette: "Poeten, Pommes, kein Geld für Pommes, arm, arme Poeten, armer Poet von Spitzweg, Regenschirm, Regenschirmpoeten."

Etliche der Schüler machen gerade Abitur, so auch Marie Berkholz, die dennoch Zeit fand, zur Dreh-durch-Filmreihe zusammen mit ihrer Freundin Hanna Halder einen beeindruckenden zehnminütigen Beitrag ("Teenager") zu inszenieren, der auch durch seine Bildsprache verführt. Gabriel Richter, der schon als 13-Jähriger zur Gruppe stieß, lässt in seinem Beitrag durchblicken, dass es eine Triebfeder seiner Kreativität ist, auch Mädchen zu beeindrucken. Die Filme sind allesamt sehens- und hörenswert und so unterschiedlich wie die Künstler selbst. Von anspruchsvoller Lyrik über elliptische Prosa bis hin zu Comedy - weitere Protagonistinnen sind Viktoriya Tetko ("Verschwimmende Freiheit"), Jannika Bauer ("Tausend Gründe Gegenwind") Bianca Schüßler ("Morgenchaos") und Quirin Weber ("Traumweh"). Auch wenn die reale Bühne und Publikumsreaktion nicht ersetzbar sei, "für uns ist Youtube ein tolles Medium, um trotzdem wieder Kunst zu betreiben", sagt Kompe, die nach "Eiszeit" auch den Abschlussfilm der Reihe beisteuerte ("Metamaskose").

Ihr Ziel ist, die Gruppe weiter zu erhalten, nach dem möglichen, studienbedingten Wegzug jetziger Mitglieder neue zu gewinnen und "mindestens einmal im Jahr eine eigene Lesebühne zu präsentieren". Eine Show, bei der auch Bands und Songwriter mitwirken. Die Zeit steht nicht still, das Eis bricht, alles fließt - man darf sie weiter auf dem Schirm haben, die jungen Poeten.

© SZ vom 08.04.2021/sab
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