Internationales Speisecafé Westend "Müller & Söhne" Perle mit familiärem Charme

Das Müller & Söhne hat, was dem Westend bisher fehlte: ambitioniertes Speisen in preislicher Mittellage. Hier weht der Geist des Glockenbachviertels.

Von Helene Töttchen

Wenn es darum geht, wer das neue Glockenbachviertel ist, hört man seit zehn Jahren dieselbe Platte: das Westend. Der ein oder andere Jungdesigner im Viertel schätzt inzwischen das irre kreative Umfeld von Telefonshops und Dönerbuden, der Techno-DJ Sven Väth schaut öfters in der zugigen Kongresshalle vorbei, und vor einer Weile passierte etwas, das echte Großstädtigkeit dokumentiert: Ein Filmteam drehte die erste Selbstmordszene des Viertels auf dem Dach des Saturn-Hochhauses.

Das Müller & Söhne ist einer der wenigen gastronomischen Orte, an denen sich das Westend wie das Glockenbachviertel fühlen darf.

(Foto: Catharina Hess)

Es könnte also durchaus etwas werden mit dem Glockenbach-Erbe. Beim gastronomischen Angebot allerdings muss die Schwanthalerhöhe nachsitzen. Zweifelsfrei gibt es Restaurants mit gehobener thailändischer Küche, auch ist es kein Problem, gut bayerisch zu speisen oder kneipenhaft studentisch.

Die ambitionierte Mittellage aber, klassischerweise in sogenannten Hipvierteln einer Stadt angesiedelt, fehlt im Westend fast gänzlich. Eine feine Ausnahme ist da das Müller & Söhne in der Kazmairstraße. Die Einrichtung des Speisecafés ist zeitgemäß retro mit kubischem weißen Interieur und Lichtboxen aus den siebziger Jahren, hölzerne Tische und Stühle nebst wohltemperierter Beleuchtung nehmen der Lounge die Kälte.

Das Müller strahlt dabei eine selbstverständliche Lässigkeit aus, die in der guten Tradition des Viertels gründet, Neues zu wagen, Altes aber zu wahren. Früher war das Speisecafé eine Bäckerei. Die aber wollte die Tochter Barbara nicht weiterführen - und machte den Verkaufsraum mit ihrem Mann Umberto Amurige zur Speisestätte.

Der ist Koch, kommt aus Palermo, und so ist die Küche mediterran-sizilianisch geprägt. Die Tageskarte wird jeden Morgen je nach Großmarktlage geschrieben und ist mit 20 Posten (von der Vorspeise bis zum Dessert) klein gehalten, wie überhaupt wohltuende Beschränkung das Lokal kennzeichnet.

Es gibt keine Vorspeisenteller, keine Pizza, keine Riesenpfeffermühlen. Geschlossen wird abends bereits um elf Uhr, am Wochenende wird gänzlich geruht. Dementsprechend groß ist der Andrang, gerade mittags, wenn das Müller zur erweiterten Kantine der nahen Bürogebäude von Unternehmensberatungen und Pharmakonzernen wird.

Wir zogen den ruhigen Abend vor und wählten zum Entrée ein sehr anständiges Rindercarpaccio auf Rucola mit Parmesan und Tomaten al Limone (10,90 Euro), das in so großer Portion geliefert wurde, dass es dem Nebentisch als Hauptgericht diente.

Die folgenden Spaghetti Neri mit Shrimps, Zucchini und Muscheln (9,20 Euro) sind eine echte Empfehlung, die würzige Tomatensoße hatte genau die richtige Konsistenz, um die Nudeln zu umhüllen, ohne unangenehm zu suppen. Auch überraschte sie mit einer pikanten Süße, wie sie für die sizilianische Küche mit ihrer maurischen Note typisch ist. Es gab einen fruchtigen Nero D'Avola aus Sizilien und einen herb-milden Zweigelt aus dem Traisental (0,1 Liter für je zwei Euro), den wir gerne wieder bestellen.

Das Fleisch der ganzen Dorade (16,90 Euro) war angenehm fest, die Haut kross. Die Vinaigrette im Salatbegleiter war zu reichlich, was auch beim zweiten Besuch beim Salatteller mit Taleggio (8,50 Euro) auffiel. Oben war das Blattwerk dröge, unten nahm es ein Fußbad. Das führte schnell dazu, dass der halbe Salat matschig war.

Eine Reminiszenz an die siebziger Jahre mag auch das faustgroße Petersilienbüschel sein, das üppig drapiert jedes Hauptgericht krönte. Hinter der alten Backstube muss eine ganze Plantage sein. Beim nächsten Besuch ließ das argentinische Rinderfilet (20,90 Euro) jede Detailmäkelei vergessen, es lag phänomenal zartrosa und reichlich in einer kräftigen Barolo-Sauce.

Der Risotto mit frischen Meeresfrüchten (9,20 Euro) war ideal bissfest und cremig und hat große Chancen auf Wiederwahl. Die Nachbarn hatten Schweißperlen auf der Stirn, lehnten die empfohlene Schokotarte mit Vanilleeis (5,50 Euro) nach zu viel gutem Essen brüsk ab - was ein Fehler war. Außen fest, innen flüssig, genauso soll es sein. Der Zitronentartufo (5,50 Euro) schmeckte ebenso, war aber nach einer überlangen Session im Froster zu kristallig.

Insgesamt ist das Müller & Söhne eine kleine feine Perle mit familiärem Charme und sehr aufmerksamem Service, die sich weniger durch Hipness als durch überraschende, inspirierte Küche qualifiziert. Der Geist mag bereits Glockenbach sein, das Herz ist zum Glück noch Westend.