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Pullach:Poet in Aktion

Jörg Baeseckes Kunst ist oft auch ein politisches Statement: Mit Hilfe eines Unikatbuchs erzählt er die Geschichte vom dankbaren Toten.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Jörg Baesecke hat als Erzähler eine eigene Kunstform geschaffen. Seine Geschichten präsentiert er einem Publikum mit viel Fantasie.

Fünfmal wird Jörg Baesecke in den nächsten drei Stunden von dem Holztisch in seinem Wohnzimmer in Pullach aufspringen, die Treppe hinaufeilen und Bücher, Texte, Zeitungsausschnitte holen, um dann zu spielen, als säße nicht eine Zeitungsreporterin vor ihm, sondern ein Publikum in einem Theater. Vielleicht, weil sich anders schwer erklären lässt, was er tut. Objekttheater klingt zu sehr nach Puppenspieler. Geschichtenerzähler zu sehr nach weißbärtigem Märchenonkel. Dabei ist Baesecke, 65, beides und doch mehr.

Gemeinsam mit seiner Frau Hedwig Rost erzählt er Märchen, Mythen und Sagen, indem er durch Bilderbücher blättert, die er selbst gestaltete. Indem er Papier faltet, reißt, bemalt. Baesecke spielt den Sommernachtstraum von Shakespeare mit Gurken und russische Märchen mit dem Metermaß. Von der Süddeutschen Zeitung erhielt das Paar dafür vor einem Jahr den Tassilo-Kulturpreis für sein Lebenswerk. Seit kurzem lässt Baesecke all diese Hilfsmittel auch mal weg und erzählt nicht mehr nur Geschichten, die andere schrieben, sondern trägt eigene Texte vor - bei Poetry Slams, Dichterwettbewerben, die eher in Studentenkreisen ausgetragen werden als in der Münchner Hochkultur und bei denen sich Baesecke mit Leuten messen muss, die wohl seine Kinder sein könnten. Diesen Dienstag hat er seinen nächsten Auftritt beim Isar Slam im Muffatwerk in München. Beginn ist 20 Uhr.

Mit neun Jahren lernte er Gedichte auswendig

Wann das mit dem Poetry Slam begann? Für Baesecke fast so schwer zu erklären, wie sein Beruf. Vielleicht mit etwa neun Jahren, als er freiwillig Gedichte von Theodor Fontane auswendig lernte. Oder mit den kleinen Versen, die er immer auf Postkarten und in sein Tagebuch schrieb. Oder damit, als er vor ein paar Jahren im Zug neben einem Münchner Poetry Slammer saß, der ihm erklärte, wie das Ganze funktionierte: Innerhalb von ein paar Minuten trägt ein Dichter einen selbstgeschriebenen Text vor, dann stimmt eine Jury oder das Publikum über den besten ab. Mit dem ersten Poetry-Slam-Gedicht jedenfalls trat Baesecke 2015 bei einer Veranstaltung für Asylhelfer in Baierbrunn auf.

Baesecke springt wieder schnell die Treppe hoch. Diesmal kommt er mit einer gelben Mappe zurück, in der seine Texte stecken, die er allerdings ohnehin auswendig kennt. Ist hier jemand, der noch weiß, wie das damals ging, dieser Satz von Fischers Fritze, der die frischen Fische fing? Jeder hat sich da versprochen, sich die Zunge abgebrochen, aber das ist lange her. Fischers Fritze fischt nicht mehr. Denn die Meere, die sind leer. Baesecke bewegt den Arm im Takt, ein bisschen so als wäre er ein Rapper. Dabei sitzt er immer noch in seinem Wohnzimmer - der Schrank voll mit Märchenbüchern, französische, russische, deutsche, kein Fernseher, dafür ein Klavier. Beim Poetry Slam klingen die Wörter, der Klang malt Bilder. Die Reime sind manchmal simpel und meistens muss man kein Intellektueller sein, um zu verstehen, worum es geht. In dem Fall: die Überfischung der Meere. Und was macht der kleine Fischer, sag'n wir mal, im Senegal? Der soll bleiben, wo er ist, der ist uns doch scheißegal.

Das Slammen ist für ihn nur ein Hobby

Baesecke sagt, er habe mit dem Poetry Slammen auch deshalb begonnen, weil es eine Möglichkeit sei, schnell auf die tägliche Politik zu reagieren. Einen seiner Texte findet man als Video auf Youtube, er heißt "Abenteuer bei der Steuer". Baesecke trägt ihn gleich als nächstes vor: Ein neues Gesetz tritt bald in Kraft, die Armut die wird abgeschafft. Und Reichtum wird zur Bürgerpflicht. Wer arm ist, zählt als Bürger nicht. Vermögen wird nicht mehr besteuert, wer keins hat, der wird gleich gefeuert. Seine Gedichte seien oft ein wenig böse, ein ironischer, spitzer Kommentar. Baesecke thematisiert die Wohnungssuche in München (und kommt zu der Überlegung, sich lieber selbst eine Villa in Solln zuzulegen und das Mülltonnenhäuschen unterzuvermieten) ebenso wie flache Gespräche reicher Nachbarn, die er aufschnappte (natürlich nicht von den eigenen, mit denen habe er es sehr gut getroffen, wie er betont).

Das Slammen sei für ihn nur ein Hobby. Die Texte denke er sich beim Radfahren aus - weil er beim monotonen Treten so gut in einen Rhythmus hineinkomme. Zugleich sei es eine schöne Herausforderung. Denn, wie das eben so sei, wenn man bei einem Wettbewerb mitmache, packe einen am Ende der Ehrgeiz. Im Mai wurde er bei einem Slam in München Monatssieger. Dass er zu den ältesten Teilnehmern gehört, stört Baesecke nicht. Immerhin muss man beim Slammen keine schweren Koffer voll mit Utensilien herumtragen. Man braucht kein Metermaß, keine selbstgemachten Bücher, keine Gurken. Eigentlich braucht man nichts - außer Fantasie.

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