Krieg in der Ukraine:Flucht nach vorne

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Krieg in der Ukraine: Der Neubiberger Robin Hertschek mit seinem Hund in seinem Landrover, mit dem er nach Polen und in die Ukraine gefahren ist, um zu helfen.

Der Neubiberger Robin Hertschek mit seinem Hund in seinem Landrover, mit dem er nach Polen und in die Ukraine gefahren ist, um zu helfen.

(Foto: privat)

Der Neubiberger Robin Hertscheck macht sich in einer Nacht- und Nebelaktion auf den Weg an die polnisch-ukrainische Grenze, um zu helfen. Sein abenteuerlicher Weg führt in bis nach Lwiw - und zurück mit vier Hunden im Gepäck.

Von Anna-Maria Salmen, Neubiberg

Als Robin Hertscheck die Nachrichten vom russischen Einmarsch in die Ukraine erreichen, lassen ihn die Bilder nicht mehr los, wie er sagt. "Am Sonntagabend hatte ich die Schnauze voll und habe gesagt: Ich fahre in drei Stunden los Richtung Ukraine." Zuhause zu sitzen und zuzusehen, wie gerade einmal zwei Flugstunden entfernt Menschen weinend vor der Grenze warten und vor den Trümmern ihrer zerbombten Orte stehen - "das packe ich nicht". Und so fährt der 34-jährige Neubiberger los. Die Gefühle auf der mehrstündigen Fahrt sind schwer in Worte zu fassen, das merkt man ihm an, als er am Telefon davon erzählt. "Ich habe Michael Jackson gehört, den Earth Song, und ich habe geweint." Angst hatte der 34-Jährige eigener Aussage nach jedoch nicht - lediglich Respekt. Er habe großes Vertrauen in sich selbst, in seine Fähigkeit, Situationen und Risiken richtig einzuschätzen.

Krieg in der Ukraine: "Es war nasskalt, hatte um die minus sieben Grad", berichtet Robin Hertschek aus der Krisenregion.

"Es war nasskalt, hatte um die minus sieben Grad", berichtet Robin Hertschek aus der Krisenregion.

(Foto: privat)

Hertscheck betreibt eigentlich einen Lebensmittelladen in Neubiberg, was ihm bei den Vorbereitungen für seine Fahrt zugutekam: Mitten in der Nacht, erzählt er, lief er durch die Regale und sammelte alles ein, was die Menschen in der Krisenregion brauchen könnten. Im vollgepackten Landrover ging es um drei Uhr nachts los, nur sein Hund begleitete ihn.

Schon länger ist Hertscheck sozial engagiert. Seit fünf Jahren betreibt er eigener Aussage nach in Kenia Hilfsprojekte. Sein Credo: "Egal, wo Krisen sind, ich will dort sein und helfen." Am Montagabend kam er dann mitten im Krisengebiet an der polnisch-ukrainischen Grenze bei Medica an. "Es war nasskalt, hatte um die minus sieben Grad." Hertscheck ist Bergsteiger, wie er sagt, ist gegen Kälte abgehärtet und hatte wärmende Kleidung an. "Trotzdem habe ich gefroren." Die polnischen Helfer hätten ihr Bestes gegeben, um die Geflüchteten mit warmem Essen zu versorgen, doch Feuer zum Aufwärmen habe es zunächst nicht gegeben. Später in der Nacht, so Hertscheck, habe man gespendete Kleidung verbrannt, um wenigstens kleine Wärmequellen zu haben.

Krieg in der Ukraine: Vom Auto aus fotografiert Robin Hertschek den Flüchtlingstreck aus der Ukraine heraus.

Vom Auto aus fotografiert Robin Hertschek den Flüchtlingstreck aus der Ukraine heraus.

(Foto: privat)

In Medica begegnete der Lebensmittelhändler zwei Männern, die aus Kiew geflüchtet waren. "Sie waren mehrere Tage lang unterwegs, sind die knapp 900 Kilometer hauptsächlich zu Fuß gelaufen und waren am Limit." Der Neubiberger ließ die beiden hinten in seinem Landrover übernachten, er selbst schlief auf dem Fahrersitz. Ähnliche Bilder wie in Medica erwarteten Hertscheck am nächsten Tag auch an anderen Grenzposten. Gezielt besorgte er nun die Dinge, die tatsächlich gebraucht wurden: Lebensmittel, Brennholz, Feuerschalen. "Das Wichtige ist momentan, dass die Leute sich aufwärmen können."

Am Ende schwinden seine Kräfte: "Das könnte mich in der Situation auch mein Leben kosten."

Am Abend wurden in den Lagern Fahrer gesucht, die Lebensmittel in die ukrainische Stadt Lwiw (deutsch: Lemberg) bringen. "Ich habe mich sofort bereit erklärt", sagt er. Der nächste Morgen, 5 Uhr: In den Videos, auf denen der Neubiberger seine Erlebnisse auf Instagram teilt, blickt er vom Fahrersitz seines Landrover aus sichtlich müde in die Kamera. Die Grenze zu passieren, sei ein Schock gewesen. "Frauen und Jugendliche patrouillieren mit Waffen und tragen Militärkleidung, überall sieht man Straßensperren", berichtet er. 70-, 80-jährige Männer hätten ihn angehalten, um sein Auto zu kontrollieren.

Krieg in der Ukraine: Geflüchtete versuchen sich an der polnisch-ukrainischen Grenze aufzuwärmen.

Geflüchtete versuchen sich an der polnisch-ukrainischen Grenze aufzuwärmen.

(Foto: privat)

Die Fahrt führte Hertscheck ins Zentrum von Lwiw in der Westukraine. "Das ist Kriegsgebiet. So viel Militär, Polizisten mit Kalaschnikows und Panzerfäusten - ab da war mir mulmig zumute." Kurz nach seiner Ankunft hört Hertscheck Sirenen, die vor einem Luftangriff warnen. Tatsächlich seien wenig später russische Kampfjets am Himmel zu sehen gewesen, die jedoch weitergeflogen seien. Wieder zurück über die Grenze nach Polen zu fahren, sei eine Erleichterung gewesen, so Hertscheck. Auf dem Weg habe er nicht nur zwei Flüchtlinge mitgenommen, sondern auch drei Straßenhunde gerettet. Ein Besitzer hat sich mittlerweile gemeldet, für die beiden verbliebenen Tiere sucht der Neubiberger nun in Deutschland ein Zuhause.

Es sind überwältigende Eindrücke, die Hertscheck schildert. Doch auch Positives könne er mitnehmen. "Die Freundlichkeit und Energie der Ukrainer hat mich beeindruckt. Trotz allem haben viele ihr Lächeln nicht verloren." Auch die Hilfsbereitschaft der Polen und anderer Helfer aus ganz Europa habe ihm Mut gegeben. "Diese schönen Erlebnisse haben die negativen Bilder ausgeglichen." Dennoch, nach vier Tagen im Krisengebiet war Hertschecks Akku leer: "Ich habe gemerkt, dass es jetzt Zeit ist, zurückzufahren und wieder Kraft zu tanken." Man müsse vernünftig bleiben, einen kühlen Kopf bewahren und fit bleiben. Fehlende Kraft? "Das könnte mich in der Situation auch mein Leben kosten."

Auch von Neubiberg aus will Hertscheck helfen, Unterkünfte für Geflüchtete organisieren und sie mit Lebensmitteln unterstützen. Jeder Einzelne könne einen Beitrag leisten - sei es mit Spenden oder mit Unterstützung von Flüchtlingen bei Erledigungen. Selbst warme Worte oder ein Lächeln könnten viel bewirken. "Auch die kleinen Dinge helfen", sagt er. Er selbst möchte, je nachdem, wie sich die Lage entwickelt, möglicherweise erneut in die Krisenregion fahren.

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