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Naturschutz:Verschwundenes Grün

Bäume weichen, aber am Furtweg zeigt sich die Stadt noch grün.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In Unterschleißheim wurden in den vergangenen fünf Jahren 488 Bäume gefällt, aber nur wenige nachgepflanzt

Von Bernhard Lohr, Unterschleißheim

Der Klimawandel, zunehmende Verdichtung und Großbaustellen fordern in Unterschleißheim ihren Tribut: In den vergangenen fünf Jahren sind im Stadtgebiet der Landkreiskommune 488 Bäume gefällt worden. Das entspricht etwa sechs Prozent des Gesamtbestands. Bei 59 dieser Fällungen wurden als Ersatz neue Bäume gepflanzt. Bei einem Großteil steht das noch aus. Das hat eine Anfrage der Grünen an die Stadtverwaltung ergeben. Deshalb soll in den Jahren von 2022 bis 2024 kräftig in den Ausgleich für die verschwundenen Bäume investiert werden. 230 000 Euro sollen dafür Jahr für Jahr zur Verfügung stehen. Denn es ist komplizierter als mancher Stadtrat dachte, für Fällungen Ersatz zu schaffen.

Bäume leiden wegen der zunehmenden Trockenheit und sie stehen in einer Stadt wie Unterschleißheim, die wie alle Kommunen im Münchner Speckgürtel eine starke Bautätigkeit erlebt, oft einfach im Weg. Und manchmal wachsen sie über den oft zu knapp bemessenen Raum, den man ihnen gewährt hat, hinaus. Ein Beispiel ist die Carl-von-Linde-Straße in Unterschleißheim, wo bereits 85 von 221 Bäumen ausgefallen sind. Ein Ersatz an gleicher Stelle ist im schmalen Pflanzstreifen nicht sinnvoll. Dazu müsste der ganze Straßenzug überplant werden, heißt es aus der zuständigen Fachabteilung im Rathaus. Bäume bräuchten von einer bestimmten Größe an Raum, damit sich das Wurzelwerk entfalten könne. Daran scheitert im Grunde auch der Vorschlag, den Thomas Breitenstein (SPD) im Verkehrs- und Umweltausschuss des Stadtrats machte, um schnell und kostengünstig in der Stadt Bäume nachzupflanzen. Er empfahl eine Begehung, um Flächen ausfindig zu machen, auf denen Bäume wünschenswert wären. Diesen Platz gebe es schlicht nicht, sagte Andreas Schmidt, Sachgebietsleiter Umwelt und Grünplanung. Eine Begehung habe erst vor einigen Jahren stattgefunden. An der Situation habe sich nicht viel verändert.

Weil im Stadtbild in der Zeit aber doch viel Grün verschwunden und vor allem der Bestand großer Bäume zurückgegangen ist, hatten die Grünen nachgefragt und eine Auflistung der Fällungen samt Nachpflanzungen eingefordert. 59 Bäume wurden ersetzt, bei 114 Bäumen war das nicht notwendig, weil der Stamm nicht so dick war oder weil weiterhin ein geschlossener Bestand in dem Bereich existiert, der seine Funktion erfüllt. Manchmal müssen auch Bäume weichen, damit andere sich entwickeln können. Aber Tino Schlagintweit (Grüne) zeigte sich schon irritiert, dass über so langen Zeitraum ein so großer Rückstand aufgelaufen ist, was den vorgeschriebenen ökologischen Ausgleich angeht. Bürgermeister Christoph Böck (SPD) sagte, "wir befürworten grundsätzlich eine schnelle Lösung". Aber man sei im Rathaus personell stark gefordert. Tatsächlich ergebe sich aus Bauvorhaben, die Fällungen auslösten, oft ein aufwendiger nachfolgender Planungsaufwand. Gutachter seien einzubinden. Und manchmal zeige sich erst später, dass an derselben Stelle ein Baum nicht ersetzt werden könne; unter anderem, weil Leitungen im Boden geschützt werden müssten. Das heißt: auf die Schnelle geht nichts, und vor allem auch nicht kostengünstig. Denn es müssen für Nachpflanzungen oft Flächen erst erworben werden.

Tino Schlagintweit fragte vor diesem Hintergrund nach, ob in einigen Jahrzehnten Großbäume in Städten überhaupt der Vergangenheit angehören würden. So schwarz wollte Böck nicht sehen. Unterschleißheim sei eine grüne Stadt. Allerdings verfolge man das Ziel einer flächensparenden innerstädtischen baulichen Verdichtung. Notwendige Ersatzpflanzungen würden umgesetzt.

© SZ vom 17.05.2021
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