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Musik:Rising Stars ergründen die Tiefen der Seele

Die beiden Violinistinnen im (teils glitzernden) Partnerlook, die Männer im Anzug: Das Aris Quartett brillierte aber vor allem musikalisch.

(Foto: Claus Schunk)

Das Aris-Quartett macht den düsteren Schostakowitsch zu einem Klangerlebnis, bei dem das Publikum den Atem anhält

Das Cello eröffnet mit einer musikalischen Signatur aus der Tiefe. D-Es-C-H. Die Initialen des Komponisten. Dmitri Schostakowitsch. Vier fahle Töne. Die Bratsche übernimmt das Motiv, dann die zweite und die erste Geige. Ein Motiv, das nach oben transportiert, aber keinesfalls lichter oder freundlicher wird. Die Klangfarben muten grau und desperat an. Schostakowitschs achtes Streichquartett, das der russische Komponist 1960 während eines Aufenthalts in der Sächsischen Schweiz schrieb, ist ein düsteres Werk, in dem der Künstler - neben der offiziellen, von oben mitdiktierten Klage um die Opfer von Krieg und Faschismus - um seinen eigenen verzweifelten Seelenzustand trauerte und sein prekäres Verhältnis zum Sowjetregime reflektierte.

Alleine und zuhause lauscht man so einer Komposition selten freiwillig, außer vielleicht, um persönliche Schwermut oder suizidale Tendenzen zu pflegen, aber live kann das Stück zum Hörereignis werden, das sogar regelrecht beglückt - vor allem, wenn man es präsentiert bekommt, wie vom Aris-Quartett bei dessen Konzert im Grünwalder August-Everding-Saal.

Anna-Katharina Wildermuth, Noémi Zipperling (beide Geige), Caspar Vinzens (Viola) und Cellist Lukas Sieber haben an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt studiert und spielen seit 2009 zusammen. Die ganz große Bekanntheit genießt das Aris-Quartett - der Ensemble-Name setzt sich aus den Endbuchstaben der vier Vornamen zusammen - trotz internationaler Auszeichnungen noch nicht, aber man darf sie als rising stars bezeichnen. Dass sie die Voraussetzungen haben, in die Hautevolee der Streichquartette vorzustoßen, demonstrierten sie in Grünwald eindringlich, und besonders mit Schostakowischs Werk.

Das technische Können ist sowieso da, aber die Phrasierungsintelligenz, die Fähigkeit zwischen spröder und warmer, klarer Klangkultur zu wechseln, die Kunst, wiegende Elegien in ein melancholisches Hintergrundgespinst einzubetten, oder mit suggestiver, verzweifelter Empörung zu dialogisieren, das hört man in dieser Meisterschaft selten. Das Werk, das generell auch als Requiem für den Verfasser aufgefasst wird und in dem Schostakowitsch faschistische (und implizit auch kommunistische) Gewalt mit dissonanten Klanghärten und perkussiven Tutti-Anschlägen thematisiert oder einen jüdischen Klagegesang einbaut, wird so zum essenziell aufwühlenden Erlebnis. Gerade im zweiten und dritten Satz zeigen die vier nicht nur Spiel-Furor, sondern agieren hoch elaboriert miteinander - Übergänge, Innehalten, Tempowechsel, scharfe Zäsuren - all das kommt spannungsvoll rüber. Gefühlte zehn Sekunden hielt das Publikum nach dem finalen Erlöschen den Atem an, ehe der einsetzende Applaus in "Bravo-Rufe" mündete - schon zur Pause.

Das Konzert eröffnet hatten die vier junge Musiker davor mit dem Streichquartett Nr1. d-Moll von Juan Crisóstomo Arriaga (1806 bis 1826). Der früh verstorbene, manchmal als "spanischer Mozart" bezeichnete Baske ist nur wenig bekannt, doch es lohnt sich, seinem Werk näher zu begegnen. Im Alter von 17 Jahren hat Arriaga seine drei Streichquartette veröffentlicht und das in Grünwald gehörte Werk in d-Moll beweist durchaus sein großes Talent. Dynamisch, spannungsvoll, im Menuett auch anmutig-tänzerisch und zum Finale noch mal richtig temperamentvoll, so wie die Mitglieder des Aris-Quartetts dieses jugendliche Glanzstück vortrugen, kann man es ruhig öfter hören.

Natürlich zeigt sich die Könnerschaft eines Quartetts vor allem in der Homogenität und dem quasi hierarchiefreien, versierten Tetralog. Zwar stach Anna Katharina Wildermuth mit ihrer so klaren wie charismatischen Spielweise ab und an heraus, aber auch die anderen drei Mitglieder zeigten immer wieder ihre solistische Klasse und beeindrucken mit warmer Klangfülle oder sonorer Schärfe.

Die Frage am Dienstagabend war freilich auch, ob die Musiker nach der Pause mit Brahms' erstem Streichquartett c-Moll das hohe Niveau des ersten Teiles halten konnten. Eine Feier des Lebens ist auch dieses 1873 veröffentlichte Werk nicht, ihm ist eine tragische Grundtönung zu eigen, Passagen von eruptiver Verzweiflung wechseln mit erschöpftem Zurücksinken. Hin und wieder scheinen indes schöne Erinnerungen in filigran wiegendem Zauber auf, wie im Adagio oder Allegretto mit anmutigen Pizzikati-Momenten. Das Aris-Quartett meistert das insgesamt düstere Werk gekonnt - ganz so einen tiefen Eindruck wie Schostakowitschs Streichquartett hinterlässt es freilich nicht.