Landwirtschaft in der Diskussion Der Bauer als Buhmann

Pflügen statt sprühen: Die Arbeit der Landwirte – hier bei Aying – wird von Verbrauchern kritisch beäugt.

(Foto: Claus Schunk)

Glyphosat auf den Feldern, Nitrat im Grundwasser: Landwirte sehen sich zu Unrecht von Politik und Gesellschaft an den Pranger gestellt. Kreisobmann Stürzer: Wir kommen aus der Schusslinie nicht mehr heraus.

Von Bernhard Lohr

Vor fünf, sechs Jahren war es noch anders. Damals klagten die Landwirte über niedrige Milchpreise. Manche kippten aus Protest das kostbare Lebensmittel auf die Straßen. Ganze Tankfahrzeuge leerten sie, weil ihnen als Produzenten vom Erlös kaum noch etwas blieb. Die Milchpreise haben sich seitdem stabilisiert. Die Stimmung unter den Landwirten ging jedoch seitdem erst richtig in den Keller. Denn zum Ärger gesellte sich ein Gefühl der Ohnmacht. Die Bauern sehen sich als Buhmänner, die für fast alles verantwortlich gemacht werden: Glyphosat, Bienensterben und Nitrat im Grundwasser. "Wir kommen aus der Schusslinie nicht mehr heraus", sagt ihr Kreisobmann Anton Stürzer.

Die Nerven liegen bei einem gesamten Berufsstand blank. Als Stürzer seine Leute zu Regional-Versammlungen in Ismaning, Siegertsbrunn und Feldmoching zusammenrief, blickte er in viele zornige und deprimierte Gesichter. Die angespannte Gemütslage spiegelte sich in Stürzers Reden wider. "Die Motivation hat sich brutal geändert", sagt er im Gespräch mit der SZ. Die Lage sei deprimierend. Der Streit und Frust werde in die Familien reingetragen. Stürzer prangert in scharfen Worten eine gesellschaftliche Entwicklung an, die den Bauern die Existenzgrundlage raube.

Kreisobmann Anton Stürzer.

(Foto: Angelika Bardehle)

1960 seien noch 46 Prozent der Wertschöpfung eines Lebensmittels beim Landwirt angekommen, heute seien es gerade einmal drei Prozent. Das liege daran, dass Lebensmittel nach dem Willen der Verbraucher billig sein müssten. Das Einkommen vieler Bauern liege derweil weit unterm Mindestlohn. Dass die Landwirte gerade in der Region wegen der hohen Baulandpreise eigentlich Profiteure seien, hält der Bauernobmann für eine Mär. Nur wenige wollten Land verkaufen. Viele wollten ihre seit Generationen bewirtschafteten Höfe erhalten. Doch das werde bei zunehmender Bürokratie, geringem Einkommen und Kritik von allen Seiten immer schwieriger. Die Begehrlichkeiten gegenüber der Landwirtschaft werden größer. Die Politik und die Gesellschaft thematisieren gerade in einem verdichteten Raum wie dem Münchner Umland, was die Bauern auf ihren Äckern und ihren Wäldern machen. Erholungsinteressen stehen wirtschaftlichen Belangen entgegen.

Stürzer ist vom Glyphosatverbot nicht überzeugt

Die Auseinandersetzungen werden härter. Diesen Mittwoch verteidigte Stürzer, der auch für die CSU dem Kreistag angehört, mit einer emotionalen Rede im Kreisumweltausschuss den Einsatz des umstrittenen Pflanzenschutzmittels Glyphosat, sofern dieser von Fall zu Fall abgewogen werde. Stürzer beklagte zudem, dass die Landwirte permanent "an den Pranger gestellt" würden. Am Ende stimmte er dennoch mit den übrigen Kreisräten für ein Glyphosat-Verbot auf Flächen des Landkreises. Mit Überzeugung tat er es nicht. Er ärgert sich über so vieles, was aus seiner Sicht Verbraucher und auch Politiker nicht sehen: Hiesigen Landwirten werde das Leben schwer gemacht. Diese exportierten ihre guten Waren ins Ausland, von dort würden dann günstige Agrarprodukte importiert, die unter Einsatz umstrittener Chemikalien hergestellt würden. Und die Verbraucher kauften beim Discounter ein statt beim Bauern am Ort.

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Das freilich ändert sich langsam. Eine wachsende Schicht schätzt qualitätvolle Lebensmittel und ist bereit, dafür mehr zu bezahlen. "Wir sind auf gutem Weg in Richtung Ökolandbau", sagt etwa Katharina Binsteiner, Bereichsleiterin Landwirtschaft am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Ebersberg. Die Zahl der Biobauern steigt zwischen Oberschleißheim und Aying. 513 Landwirte gibt es dem Amt zufolge im Landkreis. 45 davon sind Biobauern, wobei fünf Betriebe erst kürzlich dazu kamen, darunter ein großer Betrieb mit Viehhaltung. Damit ist der Anteil des ökologischen Landbaus unter den Betrieben im Landkreis von 5,7 Prozent auf 8,7 Prozent gestiegen und liegt jetzt über dem Landesdurchschnitt.

"Erlebnis-Bauernhof" gibt es auch im Landkreis

Bayernweit arbeiten nach aktuellen Angaben der Landesvereinigung für den ökologischen Landbau acht Prozent aller Höfe nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus. Insgesamt dominiert im Landkreis München der Ackerbau auf 80 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche. Überwiegend wird Getreide und Mais angebaut. Mittelgroße Betriebe machen den Großteil aus, also bäuerliche Familienbetriebe, die im Durchschnitt 39 Hektar bewirtschaften. Dem Siedlungsdruck schreibt das Amt für Landwirtschaft zu, dass die Tierhaltung eine immer geringere Rolle spielt. Der Bestand sei zuletzt stark zurückgegangen. Doch auch wenn im Biolandbau eine Zukunft liegen könnte, noch gibt es Vorbehalte. Wie groß die Verunsicherung unter Landwirten ist, war zu erleben, als im Haarer Gemeinderat diese Woche über eine Bewerbung als Fair-Trade-Kommune diskutiert wurde. Dabei geht es um gerechte Löhne für Produzenten in Asien, Afrika und Südamerika, aber auch um eine Förderung der Landwirte in der Region und eine ökologischen Betriebsweise.

Andreas Rieder, Landwirt aus Salmdorf, sagte, er halte nichts von einer Umstellung auf Bio. Dabei gibt es längst Zuschüsse, um einen Umstieg abzufedern. Die Förderung des Ökolandbaus ist ebenso etabliert wie Programme, die dazu beitragen, zwischen Bauern und Verbrauchern Brücken zu schlagen. So gibt es seit 2012 das Programm "Erlebnis-Bauernhof", über das Grundschulklassen auf die Bauernhöfe kommen, um dort zu sehen, wie die Milch in den Tetrapak kommt und wie das Korn in das Brot. Auch einige Landwirte im Landkreis machen mit.