Kunst im öffentlichen Raum:Tierisch bunte Unterwelt

Die jungen Sprayer Viktor Höricht und Justus Körtgen haben im Auftrag der Stadt Unterschleißheim mehrere Wände am Unterschleißheimer S-Bahnhof gestaltet. Dabei sind sie nicht nur auf den Ort eingegangen, sondern auch auf Wünsche von Passanten

Von Jessica Helbig, Unterschleißheim

Kunst im öffentlichen Raum: Das Kunstwerk erstreckt sich über die gesamte Unterführung auf der Nordseite und die Treppenaufgänge zum Bahnsteig.

Das Kunstwerk erstreckt sich über die gesamte Unterführung auf der Nordseite und die Treppenaufgänge zum Bahnsteig.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Hase ist spät dran. Er hastet den Bahnsteig entlang, denn die S-Bahn, die er erhaschen muss, um pünktlich ins Büro zu kommen, steht schon da. Zeit, um die Zettel aufzulesen, die beim Sprint aus der Aktentasche herausgeweht wurden, hat er nicht mehr. Ob er den Zug bekommt? Die Momentaufnahme, die mit Spraydosen auf einer Betonwand in Unterschleißheim festgehalten wurde, verrät es nicht.

Der Büro-Hase mit der Aktentasche ist Teil eines Graffiti-Kunstwerks, das seit dem Frühjahr die Unterführung an der Nordseite des Unterschleißheimer Bahnhofs ziert. Schon aus dem Zug heraus erkennt man die farbkräftigen Motive, die Märchenhaftes mit Szenen aus dem Stadt- und Bahnhofsalltag verbinden. Entstanden ist das Werk nicht wie viele andere Bilder dieses Genres still und heimlich in der Nacht, sondern ganz offiziell und legal. Die Stadt hat das opulente Kunstwerk bei den jungen Sprayern Viktor Höricht und Justus Körtgen in Auftrag gegeben.

Im Frühjahr haben die beiden etwa zwei Monate lang fast jeden Tag an der Wand gestanden und gesprayt - teilweise sogar bei Regen und Schnee. Ihre erste gemeinsame Arbeit war das aber nicht. Der 21-jährige Kunst- und der 22-jährige Architekturstudent kennen sich schon seit der Fachoberschule in Unterschleißheim, an der sie beide ihren Abschluss in der Fachrichtung Gestaltung gemacht haben. Für eine Schularbeit hatten sie damals schon einmal einen Auftrag von der Stadt angenommen und ein Trafo-Häuschen gestaltet. "Das lief so gut, dass die Stadt gesagt hat: 'Wir wollen noch mehr'", erzählt Höricht.

Kunst im öffentlichen Raum: Von Justus Körtgen stammen vor allem die Tierfiguren.

Von Justus Körtgen stammen vor allem die Tierfiguren.

(Foto: Stephan Rumpf)

Für die Gestaltung der Unterführung entwickelten die beiden schließlich ein Konzept, das sich an der Vorgabe der Stadt orientierte: "Es sollte auf den Bahnhof, die Unterführung und das, was hier passiert, Bezug nehmen", sagt Körtgen. Dennoch sei ihre Arbeitsweise sehr offen und prozessorientiert gewesen. So konnten sie während der Arbeit immer wieder Wünsche und Vorstellungen von Vorbeikommenden einfließen lassen. Einmal seien sie zum Beispiel von einem Geocacher angesprochen worden, der in der Nähe des Bahnhofs ein Versteck für andere GPS-Schatzsucher einrichten wollte.

Er bat die beiden Künstler, einen Hinweis in die Graffiti einzubauen. Ein anderes Mal wünschte sich ein Polizist, der regelmäßig auf seinem Weg zur Arbeit durch die Unterführung muss, eine Schnecke - auch sie ist im Bild zu sehen. Eine besondere Lösung fand Körtgen für das Einhorn, das sich ein Kind gewünscht hatte: Er setzte einem Pferd ein Eis in der Waffel verkehrtherum auf den Kopf.

Kunst im öffentlichen Raum: Viktor Höricht hat die menschlichen Figuren gesprayt.

Viktor Höricht hat die menschlichen Figuren gesprayt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Während Höricht vor allem Menschen gesprayt und mit kräftigen Konturen gearbeitet hat, brachte Körtgen Tiere mit menschlichen Eigenschaften an die Wand. Dabei achtete er besonders darauf, seine Charaktere plastisch darzustellen. Für beide war der Auftrag am Bahnhof in Unterschleißheim etwas Besonderes. Arbeiten die Sprayer sonst eher an eindimensionalen Wandflächen, hatten sie hier Gelegenheit, mit den zwei Seitenwänden und der Decke eine Art Raum zu gestalten. "Was ich ganz spannend fand: Man ist hier von Bildern umzingelt", sagt Körtgen. Welche Wirkung die Graffiti in der Unterführung entfalten, habe er aber auch erst bemerkt, als sie ganz fertig waren - "und das Wetter besser", ergänzt Höricht. Was die beiden verbindet, ist ihre Begeisterung für Kunst, gerade auch im öffentlichen Raum. "Ich mag es, in meiner Umgebung Spuren zu hinterlassen, gestalterisch auf sie Einfluss zu nehmen", sagt Körtgen. Dass sie eine so große und exponierte Fläche am Bahnhof gestalten durften, empfinden die Sprayer dabei nicht nur als Privileg, sondern auch als Verantwortung. Ihnen ist bewusst, dass ihre Kunst jeden Tag von vielen Menschen gesehen wird und dass sie auf sie wirkt. Darum sei es wichtig, Diversität abzubilden und "kritische Stereotype" nicht einfach zu reproduzieren. Zu den Charakteren an der Wand gehören zum Beispiel eine Kuh im Rollstuhl und ein tätowierter Mann, der einen Kinderwagen schiebt - "sodass kleine Kinder dadurch gehen und sagen: 'Das ist normal für mich'", sagt Höricht.

Kunst im öffentlichen Raum: Justus Körtgen (links) und Viktor Höricht haben am S-Bahnhof Unterschleißheim ein großes Graffiti-Kunstwerk geschaffen.

Justus Körtgen (links) und Viktor Höricht haben am S-Bahnhof Unterschleißheim ein großes Graffiti-Kunstwerk geschaffen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dass Körtgen vor allem Tiere gemalt hat, hat auch damit zu tun. Bestimmte exkludierende Merkmale wie die Hautfarbe konnte er so umgehen. Gleichzeitig, sagt er, habe er gestalterisch damit spielen können, dass Tieren oft menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden. Jenseits komplexer Repräsentationsfragen findet Körtgen für sein Tier-Faible aber auch noch eine ganz simple Erklärung: "Ich find's witzig, und die Kinder finden's auch witzig", sagt er. So wie die Unterführung eine Verbindung zwischen Bahnhof und Stadt schafft, so schaffen die Graffiti eine Verbindung zwischen den Unterschleißheimern und ihrem urbanen Lebensraum. Ihre Erschaffer hat es gleichzeitig in der ganzen Stadt bekannt gemacht. Wenn Körtgen und Höricht heute in Bahnhofsnähe unterwegs sind, werden sie oft angesprochen und gegrüßt. "Wir sind jetzt selbst Unterschleißheimer", scherzt Höricht, der in München wohnt. Körtgen lebt in Fürstenfeldbruck, wo er herkommt, und in Stuttgart, wo er studiert.

Gelegenheit, ihre Verbindung zu Unterschleißheim zu festigen, werden die beiden jedenfalls noch haben: Die Resonanz auf das Graffiti-Kunstwerk in der Unterführung war so positiv, dass die Stadt gleich noch einen Auftrag an die beiden vergeben hat. Vier weitere Trafo-Häuschen, die eine Gestaltungsachse bilden sollen, werden sie als nächstes bemalen. Und Pläne, die Unterführung an der Südseite des Unterschleißheimer Bahnhofs zu gestalten, gibt es auch schon.

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