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Kreis und quer:Pappkameraden im Sturm

Sie geben sich bodenständig und politisch standfest: Doch die stürmische "Sabine" bringt den wackersten Wahlkämpfer aus dem Gleichgewicht

Sabine rüttelt kräftig an unserem Landrat, und wenn Christoph Göbel (CSU), eigentlich ein sturmerprobter Recke, nicht mit Kabelbinder an einem Strommasten in Taufkirchen fixiert wäre, würde er jetzt mit "Herz und Verstand" und samt Janker und Krawatte über die B 388 in östliche Richtung geweht werden. Gleich daneben kämpft sein Konkurrent von den Grünen, Christoph Nadler, verzweifelt darum, weiter bodenständig sein zu dürfen. Es wäre auch wirklich peinlich für ihn, wenn er im Sturmgebraus über den Wahlkreis segeln würde und das mit dem Spruch auf den Lippen: "Flott voran mit Bus und Bahn." Über die Not der beiden kann Pappkamerad Otto Bußjäger von den Freien Wählern nur lachen. Er hängt zwar an beinahe jeder Straßenkreuzung und Bushaltestelle, aber in einem doch recht kleinen Format. Der Mann hat verstanden: Wenig Angriffsfläche zu bieten, kann in stürmischen Zeiten nur gut sein.

Der Verdacht liegt jetzt nahe, dass sich Petrus eigenmächtig in den bayerischen Wahlkampf eingeschaltet hat, indem er die stürmische Sabine losschickte. Vielleicht waren ihm die Freidemokraten zu ungeduldig in ihrem Drang nach öffentlicher Selbstdarstellung. Den Vogel abgeschossen hatte dabei der FDP-Ortsverband Haar, dessen Mitglieder sich in der Nacht zum 1. Februar mit Eimern voller Kleister zu einer Mitternachtsplakatierung trafen und ihre Kandidatinnen und Kandidaten quasi bei allererster Gelegenheit aufhängten. Vielleicht aber wollte Petrus einfach nur die Unterhachinger Freien Wähler auf den Arm nehmen, die "Frischen Wind für Unterhaching" versprechen und daher Sturm geerntet haben. Wie dem auch sei, inzwischen ist der Sturm weitgehend abgeflaut, sind die umgefallenen Kandidaten wieder aufgerichtet und kann der Schaden in allen Orten bilanziert werden.

In Grünwald etwa ist ein formidabler Rufschaden eingetreten. Zuerst zum Nachteil des früheren Bürochefs von Franz Josef Strauß, den ein FDP-Anhänger dabei fotografiert zu haben glaubte, wie er Plakate der Freidemokraten zerstörte, weshalb er von Bürgermeister- und Landratskandidat Michael Ritz angezeigt wurde; dann aber zu noch größerem Nachteil von Michael Ritz, weil der Beschuldigte erstens nachweisen konnte, dass er zur Tatzeit im Pyjama zu Hause gesessen hatte und zweitens ein anderer die Freveltat einräumte. Dieser Irrtum wird vielleicht noch ein gerichtliches Nachspiel haben, wogegen Renate Fichtinger, CSU-Bürgermeisterkandidatin in Unterhaching, mit einer kleinen Blamage davongekommen ist. Sie postete auf Facebook am Boden liegende CSU-Plakate und behauptete, politische Gegner hätten das getan. Das war natürlich Blödsinn, die einzig Schuldige war: Sabine.

Jetzt also lachen wieder alle Kandidaten frisch geföhnt von allen Plakatwänden, und einem fällt der Spruch von Mark Twain ein: Es ist schon ein großer Trost bei Wahlen, dass von mehreren Kandidaten immer nur einer gewählt wird.

© SZ vom 15.02.2020