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Kino:Binge Watching in Gera

Der zwölfjährige Jasper Knöchel hat beim Festival "Goldener Spatz" als Juror 33 Kinderfilme bewertet

Von Michael Morosow, Pullach/Gera

In der Schule kann man sich mit Mathe-Formeln und Englisch-Vokabeln den ganzen Tag versauen, das weiß jedes Kind. Man kann es sich aber auch jeden Tag vor einer Leinwand gemütlich machen, sich einen Film nach dem anderen reinziehen, bis man viereckige Augen bekommt, und das fünf Tage am Stück. Ohne schlechtes Gewissen, mit Erlaubnis der Eltern und der Lehrer.

Wovon Generationen von Kindern träumen, ist für Jasper Knöchel zur Realität geworden. Der Bub aus Pullach verbrachte die Vorwoche in Gera, wo er beim größten Festival für deutschsprachige Kindermedien mit dem Titel "Goldener Spatz" für die Kategorie Kino und TV in der Jury saß. Stolz wie Oskar, so lässt sich die Stimmung von Jaspar nach seiner Rückkehr am Samstag am treffendsten beschreiben. Ihm selbst genügt ein Wort: "cool".

Für den Zwölfjährigen war es dabei schon aufregend genug, als er erfahren hatte, zu den 28 Buben und Mädchen im Alter zwischen neun und 13 Jahren gehören zu dürfen, die den Festivalpreis für den jeweils besten Beitrag in den fünf Kategorien des Wettbewerbs verleihen dürfen. Mehr als 1000 Kinder aus Deutschland, der Schweiz, Südtirol, Österreich, Liechtenstein und Teilen von Belgien, Luxemburg und Dänemark hatten sich dafür beworben. Jasper machte das Rennen und fuhr als einziger Vertreter Bayerns nach Thüringen.

Kindermedienfestival ´Goldener Spatz"

Die 33-köpfige Kinderjury wurde darauf eingeschworen, die Preisträger nicht vorab zu verraten.

(Foto: dpa)

Als der Zwölfjährige am Montag in seine Klasse an der Pater-Rupert-Mayer-Realschule zurückkehrte, hatte er viel zu erzählen. Und es kann gar nicht anders sein, als dass er ein wenig beneidet worden ist für sein kleines Abenteuer im Osten der Republik. 33 Filme "mussten" sich die 28 Mitglieder der Kinder-TV-Jury ansehen, anschließend über jeden diskutieren, um sich am Ende für den besten zu entscheiden. Zwischendrin mal Fußball spielen, auf den Spielplatz gehen oder grillen, und am Abend todmüde ins Bett fallen, das war im Groben seine Woche.

"Die Kinder sind total fit, die beobachten alles ganz genau", sagt Elisabeth Nietzsche, Sprecherin des Kinder-Medien-Festivals. Aber das Besondere an einer Kinder-Jury sei, "dass sie gnadenlos, schonungslos ehrlich ist, egal, ob politisch korrekt oder nicht." Selbstverständlich trägt Jasper auch die Entscheidung der Jury mit, obwohl seine Favoritin nicht mit dem Goldenen Spatzen ausgezeichnet wurde. Der Film "Die Hexenprinzessin" hatte es ihm am meisten angetan, landete aber auf dem zweiten Platz. "Ein bisschen schade" sei das, sagt er. Umso mehr freute es ihn, dass Charlotte Kraus, die den "Zottel" spielte, als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Und der Siegerfilm habe den Goldenen Spatzen auch verdient, sagt er.

MDR/Festival Goldener Spatz/Carlo Bansini

(Foto: Jasper Knöchel)

Als besten Kinofilm kürte die Kinderjury "Mission Ulja Funk". Der Film erzählt die Geschichte der zwölfjährigen Ulja, die mit ihrer Oma in Konflikt gerät, als sie mehr über einen kleinen Asteroiden wissen will. Oma hat mit Wissenschaft aber nicht viel am Hut. Der Film ist ein Projekt der Initiative "Der besondere Kinderfilm". Für die Kinder war es natürlich ein prickelndes Gefühl, schon vor der Preisverleihung den Sieger zu kennen, ihn aber geheim halten zu müssen.

Für Jasper gilt zuhause die Regel, zuerst das Buch zu lesen und dann den Film anzuschauen. Diese wurde für ihn als Jurymitglied freilich vorübergehend außer Kraft gesetzt. "Da hätte ich viel lesen müssen", sagt der Filmfreak, der nach eigenen Angaben jedes der sieben Harry-Potter-Bücher vier Mal gelesen hat und fast auswendig kennt. Für seinen Onkel, einen ambitionierten Hobbyfilmer, stand er schon vor der Kamera für einen Harry-Potter-Kurzfilm. Er war für die Zuschauer aber nicht zu sehen, weil er einen Tarnumhangtrug trug, Computer-animiert, versteht sich. Sein Interesse für die Schauspielerei sei jetzt größer geworden, vielleicht werde er auf eine Schauspielschule gehen. "Aber erst mal Schule", sagt er, um dann doch noch mehr als "cool" über sein Seelenbefinden zu verlieren: "Ich bin total stolz, das war was Großes, ich freute mich riesig, echt krass."

© SZ vom 15.06.2021
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