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Jazz: Ein Ausnahmetalent:Jamie Cullum sprang vom Klavier

Jazz, eine bierernste Sache? Von wegen. Da ist ja noch Jamie Cullum, der ewige "Twentysomething". Er gab im Münchner Circus Krone ein Sensationskonzert zwischen Swing, Jazz und Pop.

Lars Langenau

Er macht es gleich zweimal: Steigt auf das Klavier, das er virtuos bearbeitet, und springt vor tosendem Publikum auf die Bühne. Beim letzten Mal hüpft er dann einfach weiter wie ein Känguruh.

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Sprengt die Grenzes des Genre: Jamie Cullum (Archiv)

(Foto: dpa)

So ist Jamie Cullum, der geniale Jazz-Beethoven aus Großbritannien, der am Sonntagabend den ausverkauften Circus Krone in München eroberte. Dieser Künstler passt in keine Schublade. Ist das noch Jazz, Swing - oder reiner Pop? Cullum sprengt die klassischen Genre-Grenzen. Aber eines ist sicher: Er ist ein großartiger Entertainer.

Am Anfang des Abends steht der Brite noch mit schwarzem Anzug und Krawatte auf der Bühne. Im Laufe seines zweistündigen Auftritts entledigt er sich sehr schnell der Etikette. Zieht das Jackett aus, verbannt die Krawatte. Dann zieht er noch das Hemd aus der Hose. Und bereits beim vierten Lied steht er im profanen weißen T-Shirt vor seinen Gästen. Wie mag das wohl weitergehen? Eine Konstante an diesem Abend sind Cullums glitzernde schwarze Converse-Turnschuhe, ebenso wie sein wunderbarer Gesang und sein grandioses Klavierspiel.

Jamie Cullum sieht auch mit 31 Jahren noch aus wie ein schlaksiger Heranwachsender, der zufällig zum Tenniestar wurde. Vom "Robbie Williams des Jazz" schwärmten die Gazetten bei seiner Entdeckung vor sieben Jahren. Nach diesem Abend ist klar: Cullum gehört inzwischen durchaus in die Kategorie des legendären Jazzsängers Kurt Elling.

Groove, Soul, Jazz

Cullum hat sein Publikum nach wenigen Takten gepackt. Es singt, klatscht und irgendwann schunkelt es auch mit bei seinen Songs wie What a Difference a Day Made, These Are the Days, Don't Stop the Music, I'm All Over It oder Twentysomething.

Er legt rasch richtig los, zwei Kameras folgen seiner Mimik beim Gesang, seiner Gestik, wie er in die Tasten haut - und übertragen ihn schwarzweiß (so viel Jazz muss sein!) auf eine Großleinwand. Das kennt man von Popkonzerten, aber nicht vom Jazz. Verstärkt wird seine leicht nasal klingende Stimme durch Bläsereinsätze, vom Bass, der Gitarre, Keyboards und Schlagzeug. Beim Zusammenspiel mit dem Kontrabass werden die Spuren des Jazz deutlich. Die vier Mitmusiker sind alles andere als bloße Begleitung, sondern kreative Sparringspartner, die sich in ausgiebigen Soli präsentieren.

Im Laufe des Abends wird Cullums Stil grooviger und souliger. Er wechselt von Stakkato zu Ballade, von Klanggewittern zur Andacht. Er verwandelt Jazz in Funk und Funk in Pop. Aber was für einen Pop! Vielleicht macht man das so, wenn man im Zirkus auftritt. Cullum nimmt sich selbst in diesem Konzert und seinem Auftritt im Circus Krone häufig auf die Schippe. Es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre er wie ein Tiger durch einen Feuerring gesprungen.

1500 Menschen lassen sich von dem energiegeladenen Floh vorne auf der Bühne zum lauten Mitsummen animieren, hoppeln mit den Füßen, stehen bei den Zugaben - und tanzen. Sie singen den Jimi-Hendrix-Song The Wind Cries Mary mit. So viel musikalische Lebensfreude war selten.

Für Jazz-Puristen mögen die permanenten Stilwechsel der pure Horror sein. Aber wenn man, wie er, von seiner dritten Platte Twentysomething 2,5 Millionen Stück verkauft hat, dann hat man alles richtig gemacht.

Genau wie bei diesem Konzert. Jamie Cullum macht es offensichtlich Spaß, in München zu sein, der "beautiful city", wie er mehrfach betont. Das hier ist ein Heimspiel. Und zum Abschluss stehen alle von ihren Plätzen auf, klatschen begeistert. Angemessen.

© sueddeutsche.de/hai

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