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Landwirtschaft:Corona verdirbt die Lust aufs Kraut

Krauternte Ismaning, auf einem Feld, auf dem Weg zur BMW-Teststrecke links.

Anstrengende Handarbeit: Julian Treu (rechts) und Simon Kraus ernten das "Ismaninger Kraut". Vater Max Kraus baut auf einem seiner 55 Hektar diese alte Sorte an, die es seit mehr als 500 Jahren gibt.

(Foto: Florian Peljak)

Als einer der letzten Bauern in Ismaning kultiviert Max Kraus noch die alte Sorte, die es seit mehr als 500 Jahren gibt. Wegen der Pandemie aber schwächelt der Absatz: Märkte und Großveranstaltungen fallen aus und auch die Gastronomie ordert nicht so viel wie sonst.

Von Irmengard Gnau, Ismaning

Landwirtschaft und Politik, das scheint für so manchen gut Hand in Hand zu gehen. Nicht nur der amtierende Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger bringt Fachwissen vom Bewirtschaften seines Hofs in Niederbayern in seinen jetzigen Hauptberuf als stellvertretender Ministerpräsident und bayerischer Wirtschaftsminister ein. Auf kommunaler Ebene kombiniert auch Max Kraus diese beiden Ebenen. Der Ismaninger ist Landwirt und seit der vergangenen Kommunalwahl zudem als Vertreter der Freien Wählergemeinschaft Zweiter Bürgermeister in seiner Heimatgemeinde.

Im Herbst kann diese Doppelrolle freilich zu Gewissenskonflikten führen, wenn bei idealen Erntebedingungen gerade eine Sitzung des Zweckverbands angesetzt ist oder eine Baustelle besichtigt werden soll. Ein Glück, dass bei Max Kraus bereits die nächste Generation im Einsatz ist: Sohn Simon packt auf dem Feld tatkräftig an und bringt im Zweifel auch ohne den Vater das Getreide oder die Kohlköpfe ein. Für sein Kraut ist Max Kraus weithin bekannt. Als einer der letzten Ismaninger Landwirte pflegt der 59-Jährige noch die alte Sorte "Ismaninger Kraut". Die Krautköpfe sind trotz ihrer Größe sehr sensibel und lassen sich kaum lagern, deshalb pflanzt sie nur noch eine Handvoll Bauern an.

Dabei hat das Kraut einen besonders milden Geschmack und eine lange Tradition: Schon 1509 wurde es erstmals schriftlich erwähnt in einer Bestimmung, welche festlegte, dass die Ismaninger ihrem Lehnsherrn, dem Bischof von Freising, jedes Jahr 2500 Krautköpfe zu liefern hatten. Auch wenn der Titel "Krautdorf" für Ismaning heute nur noch scherzhaft gebraucht wird, sind die Anwohner doch sehr stolz auf diese ihre landwirtschaftliche Tradition. Und Kraus pflegt sie. 2017 wurde das "Ismaninger Kraut" in die "Arche des Geschmacks" aufgenommen, eine Liste von alten Gerichten, die eine Gruppe kulinarisch Engagierter in Erinnerung rufen und damit vor dem Aussterben bewahren will.

Dafür haben Landwirtschaftsmeister Max Kraus und seine Mitstreiter auch in diesem Jahr wieder ihren Beitrag geleistet. In diesen Tagen noch wird das Kraut erhältlich sein. Heuer allerdings stand auch die Krauternte unter ganz besonderen Umständen. Corona hat alles verändert. "Im Großen und Ganzen sind wir sehr zufrieden mit der Menge der Ernte", sagt Max Kraus zwar. Die Schwarzadrigkeit, eine durch ein Bakterium hervorgerufene Pflanzenkrankheit, hat ihm zwar einige Kohlköpfe zerstört, doch insgesamt sei die Ernte gut gewesen, sagt er. Am Absatz allerdings hapert es gewaltig. Wegen der Corona-Pandemie und der damit verbundenen verschärften Hygienevorschriften sind viele Märkte und Großveranstaltungen ersatzlos ausgefallen. Ein riesiger Markt, der den Landwirten fehlt. "Da kann man auch nicht kompensieren", sagt Kraus. Hinzu kommen die Beschränkungen in der Gastronomie und die Tatsache, dass viele Menschen sich derzeit eher zurückhalten mit einem Besuch beim Wirt. Einige Landwirte haben deshalb einen Teil ihrer Gemüseernte eingeackert.

Jammern will Kraus dennoch nicht. Natürlich spürt auch er diese Einbußen. Doch im kommenden Jahr werde er trotzdem wieder etwa dieselben Mengen anbauen. "Man kann ja nicht in die Zukunft schauen." Etwa 55 Hektar Land bewirtschaftet er mit seiner Familie, ein Hektar davon ist für den Krautanbau reserviert. Daneben pflanzt Kraus Kartoffeln, Winterweizen, Sommer- und Braugerste sowie Mais an. Neu hat er in diesem Jahr Sonnenblumen in sein Sortiment aufgenommen. "Wir Landwirte lassen uns immer wieder etwas einfallen", sagt er. "Man muss auch dazulernen." Die Sonnenblumenernte etwa berührt die Corona-Pandemie überhaupt nicht: Die Kerne der Pflanzen werden zu Vogelfutter verarbeitet.

© SZ vom 17.10.2020/hilb

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