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Hans Söllner in München:Edeltraud, oh Edeltraud

Jährlich grüßt der Hans: Das Tollwood-Konzert des ewigen bayerischen Rebellen ähnelt einem Zeltgottesdienst der evangelischen Jugend. Und Hans Söllner mag jetzt Schweinswürstel.

Eines hat sich nicht geändert: Hans Söllner hat noch immer viel zu sagen. Nein, nicht die Tiraden gegen Polizisten, gegen Lehrer und gegen den Staat insgesamt - die gab es zwar auch, aber die kennen wir schon. Die wirklich wichtige Aussage des immer politischen Troubadours ist: "Ois was passiert, passiert nur, weil mir's zualassn!"

"Wehrts eich": Hans Söllner auf der Bühne.

(Foto: bug.bildextern)

"Wehrts eich", ist die Forderung, die in Zeiten von zunehmend ungeschützter Privatsphäre, Haushaltsreformen auf dem Rücken von Hartz-IV-Empfängern und einem Öl sprudelnden Bohrloch wichtiger ist als denn je. 20 Sekunden sollen wir uns jeden Tag dafür nehmen, wünscht sich der Hans. Allein, sein Publikum hört immer nur das eine: "Legalize it!"

Erst bei Söllners Jahrzehnte altem Gassenhauer "Edeltraud" gehen die Hände in die Höhe, das Publikum beherrscht den Text und sogar das Sitzpublikum ganz hinten in der Gehrlinger Musikarena auf dem Tollwood erhebt sich. "Du host a sauguads Gros obaut. Lalalala." Es ist das letzte Lied (vor der Zugabe) und erst jetzt kommt Stimmung auf.

Davor gab Söllner den geläuterten Wanderprediger, der nach 17 Jahren Vegetarismus von seiner Tochter zum Schweinswürstelkonsum bekehrt wurde. Daraus schließt er, dass er sich im Gegensatz zu Christian Ude, an diesem Abend sein Lieblingsfeind, weiterentwickelt. Dem Oberbürgermeister empfiehlt er - wer wäre überrascht - eine große Portion Traunsteiner Südhang, um dann, ordentlich bekifft, noch mal über die Olympiabewerbung Münchens nachzudenken. 30 Millionen!

30 Millionen Euro kostet die, und Söllner würde das Geld gerne für was anderes ausgeben. 200.000 Euro wären schon mal gut investiert in Ohrstöpsel für Anwohner des Tollwoods, damit er nicht pünktlich um 22 Uhr zum Spielen aufhören muss, findet der Reichenhaller.

Ein bisschen Revolution muss sein, deswegen stimmt Söllner um 22.03 Uhr - so ein Draufgänger aber auch - noch eine Zugabe an. Es ist das eher ruhige Stück "I mach ma Sorgen um di".

Seine Balladen bestimmten das Konzert. Söllner singt Lieder von Frieden und Freiheit und spätestens bei "Liaba Gott, ich mecht di heid amoi a bissal loben" ist man sich nicht mehr ganz sicher, ob man nicht aus Versehen auf dem Zeltgottesdienst der evangelischen Jugend gelandet ist. Aber nein, der Kirchentag ist ja lang vorbei - und mit Gotteslob befindet sich der bayerische Rastafari in bester Reggaetradition.

Die zwei größten Hits vom Hans haben natürlich nicht gefehlt. "Hey Staat" und "Mei Vadda" stimmt der Liedermacher schon kurz nach dem Beginn an, um Punkt Acht (so viel noch mal zum Revoluzzertum) - sehr zum Frust jener Fans, die noch bis viertel nach draußen in der Schlange stehen mussten.

Enttäuscht werden auch die, die davon gehört haben, dass Söllner bei seinen Konzerten immer bekifft auf der Bühne herumtorkelt und die Hälfte seiner Texte vergisst. Bis auf einen Stolperer kommt der Sänger gut durch und gerade stehen bleibt er auch. Nur wenn er in besondere Rage kommt, fängt er an, wie ein Ottifant herumzuhüpfen.

"Ich denke mal, ich brauche das Tollwood, denn wo sonst kann ich vor 5000 Leuten auftreten?" schrieb Söllner selbst über seinen jährlichen Auftritt auf dem Festival. "Und das Tollwood braucht mich - weil ich mich (...) nicht verändert hab und der Alternative bin, mit dem es sich schmücken kann."

Das widerspricht natürlich der Behauptung, dass er sich ständig weiterentwickle. Aber macht nix - das Publikum, das von pubertierenden Anfängerkiffern bis zu deren Biologielehrern eine erstaunliche Breite hat, will auf einem Hans-Söllner-Konzert eh nicht verwirrt werden. Auch Alternative sind konservativ.