Haar:Vorrang für Klimaschutz oder fürs Ortsbild?

Haar: Das historische Herz von Haar wurde rekonstruiert, auch bei der Dachlandschaft mit roten Ziegeln. Deren Harmonie ist jetzt gefährdet. .

Das historische Herz von Haar wurde rekonstruiert, auch bei der Dachlandschaft mit roten Ziegeln. Deren Harmonie ist jetzt gefährdet. .

(Foto: Claus Schunk)

Gemeinde diskutiert über eine große Fotovoltaikanlage im Zentrum. Architekt Goergens findet: Dafür gibt es bessere Plätze

Von Bernhard Lohr, Haar

An Plänen für eine großflächige Fotovoltaikanlage auf einem Dach in Haars historischem Zentrum hat sich eine Grundsatzdebatte entzündet. Ein Großteil der Gemeinderäte hält es für eine gute Idee, im Kampf gegen den Klimawandel Module auf das frühere Maria-Stadler-Seniorenheim zu montieren. Doch Architekt Gert F. Goergens hat mahnend die Hand erhoben. Er befürchtet, dass das harmonische Gesamtbild der über Jahrzehnte behutsam reaktivierten Ortsmitte Schaden nimmt. Die Frage ist: Was ist wichtiger? Klimaschutz oder architektonisch, städtebauliche Erwägungen? Goergens findet, es gäbe bessere Flächen für Solarmodule. Am Dienstag entscheidet der Gemeinderat.

Viele kennen Haar nur vom Durchfahren auf der B304. Aber es gibt auch die Kenner, - vor allem natürlich viele Einheimische -, die Haar für einen städtebaulich vorbildlich entwickelten Ort halten, an dem man besonders gut leben kann. Das war nicht immer so: Als der Münchner Architekt Gert F. Goergens als junger Mann Anfang der Siebzigerjahre Haar entdeckte, lag vieles im Argen. Das Ortszentrum mit Rathaus sollte an die Durchfahrtsstraße B304 verlegt werden. Doch Goergens lieferte 1974 in einem Wettbewerb den Gegenentwurf. Er warb dafür, den vernachlässigten Bereich um das heutige Rathausensemble mit Feuerwehr und Beamtenwohnhaus sowie die ehemalige Alte Schule umzubauen und neu zu beleben.

Das gelang mit einigen Jahren Verspätung. Auch als eine Verdichtung der alten Beamtenwohnungen im Bereich um die Friedrich-Ebert-Straße anstand, setzte Goergens sich mit seinen Vorstellungen durch, mit Bedacht auf das Bestehende aufzusetzen. Der Neubau des Bildungszentrums Poststadel nach historischem Vorbild ist bisher das letzte Puzzlestück in diesem Ensemble. Ein solches "gestalterisches Kontinuum", sagt Goergens, habe sein Büro bei öffentlichen Bauten und Plätzen nirgendwo sonst schaffen können.

Das gelang auch, weil über viele Jahre Konsens über Prioritäten im Rathaus und im Gemeinderat herrschte. Die SPD stand stets hinter Goergens. Doch die Mehrheitsverhältnisse haben sich geändert und Prioritäten werden im Zweifel auch mal anders gesetzt. Gerade jetzt in der Klimadebatte. CSU und Grüne haben die Mehrheit und haben nun im Bauausschuss gegen die Stimmen der SPD dafür gestimmt, dem Gemeinderat zu empfehlen, die größtmögliche Fotovoltaikanlage mit 99 Kilowatt Spitzenleistung auf das Dach des Maria-Stadler-Hauses zu setzen. Die SPD verwies geschlossen auf den besonderen architektonischen Wert des Ortszentrums mit seiner einheitlichen prägenden Dachlandschaft. Katharina Dworzak (SPD) sagte, man habe bewusst hochwertige Schwalbenschwanzziegel auf allen Dächern verwendet. Man sollte besser andere Dächer auf Firmengebäuden nutzen. Peter Schießl (SPD) warnte, man werde mit der "schwarzen Fläche" die harmonische Dachlandschaft zerstören. Er verwies auf Goergens' Bedenken und auf Hinweise des Landesamts für Denkmalpflege.

Das frühere Seniorenheim hinter dem Rathaus selbst ist nicht denkmalgeschützt. Es wird nach dem Umzug der Senioren in einen Neubau umgebaut, um im Erdgeschoss Teile der Rathausverwaltung unterzubringen und darüber Wohnungen für Senioren sowie für Personal zu schaffen, das in Kindertagesstätten oder im Pflegeheim arbeiten könnte. Die Denkmalschützer sind involviert, weil Thema ist, ob "Denkmalnähe" gegeben ist, was zu berücksichtigen wäre. Das Rathaus ist ein Denkmal und die benachbarte Alte Schule. Doch wie es vom Rathaus heißt, hat das Denkmalamt mittlerweile seine Zustimmung für Fotovoltaik in Aussicht gestellt. Goergens verweist ungeachtet dessen darauf, dass sich acht von 14 Baudenkmälern in Haar in besagtem Zentrum befänden.

Die Module sollen nach Wunsch des Rathauses - um die Dachlast zu reduzieren - direkt auf die Dachsparren platziert werden. Die Anlage würde so viel Strom produzieren, dass der Rathaus-Bereich im Erdgeschoss zur Hälfte versorgt würde. Die Investition von 240 000 Euro brutto wäre nach 13 Jahren amortisiert; einen Zuschuss von 48 000 Euro nicht eingerechnet. Als Kompromiss steht im Raum, Goergens entgegenzukommen, und nur von der Straße aus nicht sichtbare Dachflächen mit Solarmodulen zu bestücken, was einer Halbierung der Anlage gleichkäme. Auch diese wäre rentabel und nach 13 Jahren die Investition wieder reingeholt.

Derzeit sieht es danach aus, dass der Gemeinderat die maximale Solarausbeute will. Grünen-Gemeinderat Henry Bock äußerte sich erfreut und riet dazu, eine Verbindungsleitung zum alten Rathaus zu legen, um den Solarstrom auch dort nutzen zu können. "Ich verlege das Kabel auch gerne selbst." Zwölf Vertreter von CSU und Grünen überstimmten im Bauausschuss sechs SPD-Kollegen.

© SZ vom 26.07.2021
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