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Haar:Mehr als ein Herz für Behinderte

Weil der Aufzug am Bahnhof streikte, half Minister Alexander Dobrindt einst bei seinem Haar-Besuch Bettina-Endriss-Herz die Treppe hinauf.

(Foto: Claus Schunk)

Der neue Beirat um Bettina Endriss-Herz will Sprachrohr für Junge und Alte sein

Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen haben seit kurzem eine eigens für sie eingerichtete Anlaufstelle in Haar: den Behindertenbeirat der Gemeinde. Seine neun Mitglieder wählten in der konstituierenden Sitzung Bettina Endriss-Herz, 51, zur Vorsitzenden. Ihr zur Seite steht Peter Schießl, 60. Eine erste Initiative von Endriss-Herz macht deutlich, dass die neue Lobby für Menschen mit Behinderung dicke Bretter zu bohren haben wird. Ein Schreiben an die Deutsche Bahn wegen des kaputten Aufzugs am Bahnhof blieb zunächst ungehört. Kurz nachdem der Aufzug schließlich repariert worden war, war er schon wieder defekt.

Haar hatte als Gemeinde, die sich gerne ihrer sozialen Ader rühmt, bisher weder einen Behindertenbeirat noch einen Beauftragten im Gemeinderat, der für Behinderte zuständig gewesen wäre. Im Rathaus sah man deren Belange bei der Verwaltung und Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) gut aufgehoben. Die CSU brachte mit einem Antrag schließlich den Beirat auf den Weg, wie ihn sich Endriss-Herz seit längerem schon gewünscht hatte. Für die Vorsitzende und CSU-Gemeinderätin hat der Beirat persönlich eine große Bedeutung: "Es gibt Rückhalt." Für die politische Ausgewogenheit steht Peter Schießl, der stellvertretende Vorsitzende. Er ist Mitglied der SPD und Ehemann von SPD-Bürgermeisterin Müller.

Dem neuen Beirat gehören Personen an, die entweder selbst mit Einschränkungen zu kämpfen haben oder Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Behinderung haben. Endriss-Herz leidet an Multipler Sklerose und ist auf den Rollstuhl angewiesen, Schießl versorgte lange seinen schwerbehinderten Sohn. Alexandra Schlotterer, die Schriftführerin des Beirats, ist blind und schreibt mit einem speziellen Schreibgerät. Weitere Mitglieder im Beirat sind Wolfgang Hillner, Fritz Kerber, Reinhold Linke, Georg Obermeier, Klaus Rückert und Friederike Stadler. Weil sich die Beiräte als erste, niedrigschwellige Anlaufstelle sehen, wollen sie in ihrer ersten regulären Sitzung am Mittwoch, 16. Oktober, im Rathaus darüber entscheiden, ob und wie eine regelmäßige Sprechstunde eingerichtet werden soll. Unabhängig davon ist der Beirat per E-Mail erreichbar: behindertenbeirat@gemeinde-haar.de.

Laut Schießl will man Betroffenen aus Haar in allen Belange zur Seite stehen: bei Anträgen oder konkreten Missständen, die in der Gemeinde beseitigt werden sollten. Dabei ist das Gremium kein zahnloser Papiertiger. Es hat Antragsrecht im Gemeinderat und muss bei Fragen, die Menschen mit Behinderung in Haar berühren, von der Rathausverwaltung gehört werden. Auch hat der Beirat ein kleines, eigenes Budget. Der Beirat wird ähnlich wie der Gemeinderat öffentliche Sitzungen abhalten und nach festen Regularien agieren. In dem Gremium soll eine offene Diskussionskultur gepflegt werden. Wer als Zuhörer dazustoße, sagt Schießl, werde sich direkt einbringen können.

Was man nach dem Kampf um einen barrierefreien Bahnhof als nächstes anpacken könnte, ist noch nicht ganz klar. Es werde sicher um die Zugänglichkeit von öffentlichen Gebäuden gehen, sagt Endriss-Herz, die ausdrücklich das barrierefrei gestaltete Rathaus lobt. Bei einigen Schulen sieht sie dagegen Defizite. Auch das Absenken von Bordsteinen könnte Thema werden. Vor Monaten hatte Endriss-Herz als Gemeinderätin beklagt, dass der Haarer Fahrservice nicht für alle Rollstuhlfahrer nutzbar sei.

Endriss-Herz hat sich bereits vor 20 Jahren nach eigenen Worten im Arbeitskreis Integration für die Belange Behinderter eingesetzt und damals in ihrer Not eine MS-Gruppe in Haar gegründeet. Schon damals hätte sie sich einen Behindertenbeauftragten gewünscht. Als sie die Diagnose Multiple Sklerose erhielt und junge Mutter war, habe sie vergebens auf Unterstützung durch die Nachbarschaftshilfe gehofft. Dort sei man vor allem auf Senioren ausgerichtet gewesen. Der Beirat wolle deshalb ausdrücklich auch für junge Menschen und Familien da sein.