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Haar:Biene ist nicht gleich Biene

Wildbiene

Ein Biologe hat im Auftrag der Gemeinde die Wildbienen kartiert, hier ein Exemplar, das sich am Mehlsalbei labt, allerdings nicht in Haar. Er warnt davor, dass Honigbienen den Wildarten die Nahrung wegnehmen.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Die Gemeinde Haar fördert die Artenvielfalt durch Magerrasen. Doch die Nahrungskonkurrenz ist groß

Der von der Gemeinde Haar seit Jahren beschrittene Weg zur Förderung der Artenvielfalt zeigt Wirkung. Das hat ein Fachmann vom Institut für Zoologie und Limnologie der Universität Innsbruck bei einer Wildbienen-Kartierung auf acht ausgesuchten Haarer Flurstücken festgestellt. Timotheus Kopf rief bei einer Präsentation seiner Ergebnisse letztens dazu auf, weiter Magerrasenflächen und Blühwiesen anzulegen. Und er sprach eine eindringliche Warnung aus, die manchen Insektenfreund und Bienenschützer gehörig überraschte. Er warnte vor einer Idealisierung der Imkerei. Die wachsende Zahl an Honigbienen, sagte er, drängten Wildbienenarten zurück und gefährdeten die Artenvielfalt.

Vor mehr als 20 Jahren begann die Gemeinde Haar damit, Naturflächen gezielt so zu gestalten, dass es nicht nur grün ist und schön aussieht, sondern auch Insekten was davon haben. Unter Beihilfe von Reinhard Witt, des heute angesichts des erkannten Insekten-Sterbens ungleich stärker gefragten Vorreiters der Naturgarten-Bewegung, wurde 1997 in Nachbarschaft des Wertstoffhofs auf 1500 Quadratmetern der artenreiche Naturschaugarten geschaffen. Von dort sollte eine Art Initialzündung ausgehen, um auf bewusst mager gehaltenen Flächen bunte, blühende Vielfalt entstehen zu lassen. Oft fehlte das Verständnis für das, was da geschah. Von "Kieswüsten" war die Rede, nachdem Humus abgeschoben worden war. Mittlerweile wurden mehrere 10 000 Quadratmeter Fläche derart abgespeckt.

Doch gibt es nun mehr Insekten auf diesen Flächen, oder nicht? Im Auftrag des Rathauses machte sich vergangenen Sommer Timotheus Kopf auf, um auf verschiedenen Flächen Bienen zu zählen und zu schauen, welche Art dort heimisch ist. Das Umweltreferat, in dem Michael von Ferrari vor Jahren den Grundstein für den Einsatz für Artenvielfalt legte, erhofft sich von dieser Kartierung Erkenntnisse, um Wildbienen noch besser zu schützen und deren Ausbreitung stärker zu fördern. Mitarbeiter des Rathauses und des Bauhofs, die mit der Grünflächenpflege betraut sind, sollen in Zuge eines Wildbienen-Managements geschult werden.

Über das, was bisher in Haar für den Schutz der Wildbienen bereits getan wurde, zeigte sich der freiberufliche Biologe und Lehrbeauftragte an der Universität Innsbruck jüngst bei einer Präsentation im Gemeinderat angetan. Insgesamt habe er an sechs Magerrasen-Standorten in Haar 113 unterschiedliche Bienenarten registriert, sagte er und sprach von einer "enorm hohen Dichte". "Das ist mehr, als ich erhofft hatte." Bemerkenswert sei daran, dass 80 Prozent dieser Arten als gefährdet gelten. 26 Bienenarten habe er auf mehreren Flächen in Haar entdeckt, sagte Kopf. Wenig überraschend hob er die Artenvielfalt im Naturschaugarten mit seinen ganz unterschiedlichen Strukturen hervor, in denen sich Insekten heimisch fühlen könnten. Als besonders wertvoll schätzte er eine Fläche in Salmdorf-Nord ein, bei der ebenfalls eigens Humus abgetragen worden war, um einen artenreichen Magerrasen zu schaffen. 60 Arten habe er dort gefunden. "Das ist auf der sehr kleinen Fläche ein großer Erfolg", sagte er.

Um zeigen zu können, ob und wie stark die gezielte Aufwertung von Flächen die Artenvielfalt stärkt, hat der Wissenschaftler aus Österreich in Haar auch eine Referenzfläche untersucht, bei der der Boden nicht bearbeitet wurde und die zunächst einfach mal viel Grün bietet. An dem Grün am Lise-Meitner-Weg im Westen Haars habe er wenig Insekten vorgefunden, sagte Kopf. Und wenn, dann seien die dort kaum heimisch gewesen, weil geeignete Nistplätze fehlten. Die Mehrheit der Wildbienen nistet in der Erde, manche bauen Gänge in Steilwände und Abbruchkanten. Solche "Oberflächenstrukturen fehlen komplett".

Doch auch wenn vieles gut ist in Haar, es könnte vieles auch besser sein. Denn Kopf registrierte ein großes Ungleichgewicht. Er kam auf vier Mal so viele Honigbienen wie Wildbienen, obwohl es sich dabei ja nur um eine von vielen Arten handelt. Das "riesige Ungleichgewicht" führte der Insekten-Experte auch auf den Trend zurück, gerade jetzt, da über Insektensterben gesprochen wird, sich mal nebenher Bienenvölker zuzulegen. Wer meint, damit etwas Gutes zu tun, irrt sich aber Kopf zufolge. Denn Honigbienen und Wildbienen haben dieselbe Nahrungsquelle. Und die ist in den vergangenen Jahren mit dem Verschwinden von Blühstreifen und ungeordneten Blühflächen dank einer intensiven Landwirtschaft weniger geworden. Der "Mangel an Treibstoff", mache vor allem den Wildbienen zu schaffen.

"Die Honigbiene wird nicht aussterben", sagte der Insekten-Experte und sagte deutlich, dass im Gegenteil die zunehmende Dichte von Bienenvölkern "zum Absterben der Arten geführt" habe. Nach wie vor wachse die Zahl der Honigbienen im Jahr um jeweils fünf Prozent. Kopf würde sich wünschen, dass sich einmal mehr der Mensch ein Stückweit zurücknimmt, um der Natur eine Chance zu geben. Honig müsse wieder etwas Besonderes werden, sagte er, er müsse wieder etwas mehr kosten. An Weihnachten in Lebkuchen sei Honig richtig, aber nicht beim täglichen Süßen im Tee.

© SZ vom 18.04.2020

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