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Haar bei München:Leuchtturm in Holzbauweise

Die Gemeinde Haar will ein Vorzeigeprojekt in klimafreundlicher Architektur

Von Bernhard Lohr, Haar

Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) möchte die Gemeinde Haar zum Vorreiter einer neuen, nachhaltigen Baukultur machen. Die Inspiration dazu kommt von der Gruppe "Architects for Future", die nach der Philosophie des "Cradle to Cradle" ein breites Umdenken in ihrer Branche anstreben. Der englische Ausdruck Cradle to Cradle bedeutet sinngemäß "von Ursprung zu Ursprung" und steht für eine konsequente Kreislaufwirtschaft. Auf Einladung von Bürgermeister Bukowski stellte kürzlich Ingenieur Deniz Ispaylar von der Architektengruppe deren Ideen im Gemeinderat vor und stieß dabei auf breite Zustimmung. Ein Ziel ist jetzt, in Haar ein "Leuchtturmprojekt", wie es Bukowski nannte, nach diesem Prinzip umzusetzen.

Nach Angaben des "World Green Building Council" sind Gebäude weltweit für 39 Prozent des durch Energieverbrauch ausgestoßenen klimaschädlichen Gases CO₂ verantwortlich. 28 Prozent stammen aus Heizvorgängen, elf Prozent aus der Herstellung von Baumaterialien und dem Bau der Gebäude selbst. Laut statistischem Jahrbuch ging im Jahr 2017 durch Bau- und Abbruchvorgänge 53 Prozent des Müllaufkommens in Deutschland auf die Baubranche zurück. Darüberhinaus prangern die "Architects for Future" den immensen Gütertransport in der Baubranche an. Sowohl der Bau als auch der Betrieb und der Rückbau eines Gebäudes müssten betrachtet werden, sagte Ispaylar im Haarer Gemeinderat. Hier ergebe sich großes Einsparpotenzial an Ressourcen und auch an CO₂. Ispaylar sagte, hinter dem Neuansatz stehe ein grundsätzlich anderes Menschenbild als das, was derzeit propagiert werde. Der Mensch könne nicht nur weniger schlecht sein und weniger CO₂ ausstoßen. Nein: "Wir können tatsächlich gut sein", sagte er. Ein Umdenken sei möglich und ein anderes Bauen als bisher auch.

Die "Architects for Future" haben sich in diesem Frühjahr als Verein gegründet und verstehen sich als Partner der "Fridays for Future"-Bewegung. Sie sind in ganz Deutschland mit Ortsgruppen vernetzt und auch in der Schweiz und in Österreich präsent. Die Münchner Gruppe zählt 87 Mitglieder. Und man bringt sich direkt auch in die Politik mit Stellungnahmen wie zuletzt zur Novelle der Bayerischen Bauordnung ein, die mit Blick auf den als unmittelbare Bedrohung angesehenen "Klimakollaps" als zu wenig ambitioniert beschrieben wird. Es sei an der Zeit, schreibt die Gruppe, "eine zukunftsfähige Rechtsgrundlage für mehr Bauen im Bestand" zu schaffen. Es gehe um "mehr Holzbau, mehr Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft und Klimaschutz". Nicht zuletzt, sagte Ingenieur Ispaylar in Haar, sei es in der Gesamtschau kostengünstiger, nachhaltig nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip zu bauen. Wer ehrlich alle Kosten, auch die Folgekosten mitbedenke, komme daran nicht vorbei. "Am Anfang muss mehr investiert werden, aber über den ganzen Zyklus betrachtet, über mehrere Jahrzehnte, entsteht ein Preisvorteil."

Dietrich Keymer (CSU) wollte wissen, was außer Holz als nachhaltiger Baustoff anzusehen sei. Er gab auch zu bedenken, dass Ansätze zu einem anderen Bauen schon von der Firma Doblinger vor Jahren in Haar vorgestellt worden seien. Bürgermeister Bukowski möchte jedenfalls mit den jungen Architekten in Kontakt bleiben und strebt eine praktische Umsetzung an. Er würde "gerne ein Projekt ins Auge fassen" und das nach den "Richtlinien" der Architects for Future "gemeinsam umzusetzen" wäre. Ein innovatives Gewerbegebiet wäre eine Möglichkeit, sagte er. Die Präsentation im Gemeinderat wollte er nach eigener Aussage als ein "Kick-off" dafür verstanden sehen.

© SZ vom 22.10.2020

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