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Grünwald:Ein Drittel Publikum, halbe Gage

Grünwald, August-Everding-Saal, Konzert Mariinsky Stradivarius Ensemble und Kammerorchester der Münchner Philharmoniker,

Bald darf wieder musiziert und Musik genossen werden: Wegen des in Rängen sitzenden Publikums hieß es lange Zeit, es könne in Coronazeiten keine Sicherheit garantiert werden. Doch jetzt gibt es neue Erkenntnisse.

(Foto: Angelika Bardehle)

Von November an finden im August-Everding-Saal wieder Konzerte statt, für ausgefallene Auftritte erhalten Künstler eine Entschädigung. Die Einigung trübt ein Streit über Kompetenzen im Grünwalder Rathaus

Von Claudia Wessel, Grünwald

Hoffnung für die Freunde der Grünwalder Kultur - und ebenso für die Künstler, die dort aufgrund der Corona-Krise und des Lockdowns nicht auftreten konnten: Der Kulturausschuss des Gemeinderats hat am Dienstagabend beschlossen, dass es im November mit Konzerten im August-Everding-Saal weitergehen kann. Inzwischen liegt ein passendes Hygienekonzept vor. Weiterhin wurden zwei Anträge von Ingrid Reinhart von den Grünen angenommen, nach welchen Künstler, die nicht auftreten konnten und können, dennoch einen Teil ihrer Gage bekommen.

So werden alle Künstler, die während des Lockdowns nicht spielen konnten, 50 Prozent der Gage erhalten. Künstler, denen von Seiten der Gemeinde abgesagt wurde oder künftig abgesagt werden muss, erhalten ebenfalls 50 Prozent, sofern das Konzert nicht verschoben werden kann. Kann es verschoben werden, so erhalten die Künstler die ersten 50 Prozent sofort, den Rest zum Auftritt. Bis es allerdings zu diesen hoffnungsvollen Ergebnissen kam, ging es im Kulturausschuss sehr emotional und streitintensiv zu.

Thema Nummer eins an dem Abend war das Hygienekonzept. Hauptamtsleiter Tobias Dietz hatte noch in der Gemeinderatssitzung Ende Juni die Aufstellung eines solchen Konzepts für den August-Everding-Saal als mehr oder weniger absurdes Unterfangen dargestellt. Damals erklärte er, man könne auf den 304 Sitzen nur 36 Personen unterbringen und bräuchte 13 Mitarbeiter zum Einweisen. Ein Problem seien die abfallenden Stuhlreihen. So hat er es offensichtlich seinerzeit auch im Kulturausschuss geschildert, weshalb dieser Ende Juni beschloss, alle Konzerte inklusive September ausfallen zu lassen.

Am Dienstagabend kam heraus, dass einige sich wohl getäuscht fühlen. Denn zum einen habe schon in der damaligen Sitzung des Kulturausschusses die FDP-Gemeinderätin Angela Zahn, welche Veranstaltungen im Herkulessaal der Residenz organisiert, darauf hingewiesen, dass es durchaus anders gehe. Schon damals habe sie gesagt, man könne 80 Personen im August-Everding-Saal unterbringen, denn man könne auch mit abfallenden Stuhlreihen den Abstand einhalten. Nach dem nun aktuellen Hygienekonzept der Gemeinde können 99 Personen in den Saal. Auf die Frage, wieso jetzt möglich sei, was vorher unmöglich erschien, antwortete Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU): "Letztendlich weil wir's vertieft überprüft haben." So habe im Juni "noch niemand gewusst, wie die Lüftungsanlage im August-Everding-Saal funktioniert". Dies wurde jetzt herausgefunden. Man kann sie von Umluft auf Frischluft umstellen, weshalb der Aufenthalt drinnen nun sicherer sei, so Neusiedl.

Die Freude über das nun vorliegende Hygienekonzept währte an dem Abend nicht lange, denn nachdem alle technischen Details ausführlich erörtert worden waren, wollte man sich dem Programm widmen. Neusiedl fragte also die anwesende Kulturreferentin Regine Müller, ob sie dazu etwas sagen wolle. "Ich wollte gar nichts sagen, ehrlich gesagt", war ihre überraschende Antwort, an der man bereits ablesen konnte, dass da mit der Chemie wohl etwas nicht ganz stimmen kann. Wie Oliver Schmidt von den Parteifreien es ausdrückte: "Im Innenverhältnis funktioniert hier die Kulturarbeit nicht."

Dies bestätigte sich, als die Sprache auf die Zahlungen an Künstler kam, die während des Lockdowns nicht auftreten konnten. Während Neusiedl betonte, natürlich habe man diesen 50 Prozent der Gage erstattet, widersprach Müller. Es seien nur an zwei Betroffene jeweils 50 Prozent gezahlt worden. Hier nun fragte der Bürgermeister seine Kulturreferentin: "Und warum?"Antwort: "Ich kriege ja keine Freigabe." Denn Regine Müller, so kam heraus, darf Verträge mit Gagen über 1500 Euro nicht selbst unterzeichnen.

Vor der dann doch erfolgten Einigung auf Zahlungen wollte Neusiedl immer wieder darauf bestehen, nur an die Künstler Geld zu überweisen, bei denen er einen Vertrag unterzeichnet hat. Weder Regine Müller noch Angela Zahn konnten ihn davon überzeugen, dass es im internationalen Agenturgeschäft Usus sei, Verträge per Absprache zu schließen. "Bei uns ist es eben anders", sagte er. Er müsse alle Ausgaben schließlich vor dem Rechnungsprüfungsausschuss verantworten.

© SZ vom 24.09.2020
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