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Das Therapeutische Reiten hilft Menschen mit psychischen Erkrankungen dabei, Ängste zu überwinden und Vertrauen zu fassen. Seit 30 Jahren behandelt die Haarer Ärztin Michaela Scheidhacker Patienten erfolgreich mit dieser Methode - jetzt geht sie in den Ruhestand

Von Bernhard Lohr, Haar

Petra L. (Name geändert) hat harte Jahre hinter sich. Sie lebte in einer Toilette im Obdachlosenmilieu. Zuletzt zog sie mit Zelt und wenigen Habseligkeiten durch die Wälder rund um München und wurde von Polizisten und Grundstücksbesitzern immer wieder vertrieben. Tiefgreifende Ängste, ausgelöst von den Vaterfiguren in ihrem Leben, prägen das Leben der Frau Anfang 40 und lähmen sie mehr und mehr. Die Ärzte am damaligen Bezirkskrankenhaus Haar-Eglfing erleben 1997 eine Frau, die Blicken ausweicht, von Unruhe getrieben ist und zwanghaft in ihrem Handeln. Eine Wende zum Besseren folgt, als sie mit Pferden in Kontakt kommt.

Der Kontakt mit den Tieren lässt viele Menschen Berührungsängste überwinden und neues Selbstvertrauen fassen.

(Foto: privat)

Zu dieser Zeit bietet Michaela Scheidhacker schon seit neun Jahren an der Klinik Therapeutisches Reiten an. Sie ist eine Pionierin in dieser Disziplin. Die 1952 in München geborene Scheidhacker hatte als Zahnärztin gearbeitet, bevor sie zur Humanmedizin wechselte und 1988 als Assistenzärztin in Haar anfing. Dort überzeugte sie den damaligen Ärztlichen Direktor Wolfram Bender von ihrer Vision, dass Psychiatrie-Patienten vom Umgang mit Pferden profitieren könnten. 30 Jahre später nimmt Scheidhacker im Gesellschaftshaus der Klinik vor 250 Gästen Applaus entgegen. Die Fachwelt erhebt sich vor der 65-Jährigen kurz vor ihrem Ruhestand bei einem Abschiedssymposium.

Dabei gibt sich die Ärztin, die 1991 zur "Wirksamkeit des Therapeutischen Reitens bei der Behandlung chronisch schizophrener Patienten" promovierte, bescheiden. Mit Jute-Tasche über der Schulter steht sie mitten unter ihren Gästen. Später sagt sie, sie sei nicht die große Heilerin. Sie wolle die Patienten begleiten, die sie für ihren Umgang mit ihren Krankheiten oft bewundere. "Die Heilung macht der Patient selber." Oft gehe es einfach nur um die Verbesserung der Lebensumstände.

Viele Patienten dokumentieren ihre Erfahrungen mit den Pferden beim Therapeutischen Reiten in eigenen Zeichnungen und halten dabei auch die Fortschritte ihrer Behandlung fest.

(Foto: privat)

Ort des Geschehens ist dabei seit Jahren ein Stall in Parsdorf. Am dortigen Spitzauer Hof stehen die Therapiepferde, mit denen Patienten wie Petra L. mit diagnostizierter chronisch paranoid-haluzinatorischer Psychose erfährt, wie sich Blockaden lösen. Andere sind an Schizophrenie erkrankt, leiden an Depressionen oder an Lebens- oder Versagensängsten. Oft wird das Therapeutische Reiten begleitend zu einer anderen Behandlung eingesetzt. Die Patienten spüren beim Putzen und beim Führen der Pferde und natürlich im Sattel, was diese großen, mächtigen Tiere für eine Wirkung auf sie haben.

Die Patienten lernen, Vertrauen zu entwickeln, Kontrolle abzugeben und sich auf Neues einzulassen. Scheidhackers Arbeit ist dokumentiert. Patienten verfassen Texte und malen im Zuge der Therapie spontane Bilder. Sie beschreiben, was es für ein Gefühl ist, auf dem Pferderücken "nach oben zu wachsen und ganz neuen Raum zu erobern". Ein Patient beschreibt den Effekt: "Ich erlebte mich das erste Mal bewusst als eigenständiges Wesen." Auch Petra L. entwickelt "Selbstwertgefühl und Mut" und malt ein vielsagendes Bild, das sie auf einem Pferd zeigt, das einen Hügel hinunterprescht. Unten ein See - und das Pferd schwimmt durch. "Das muss ein Wunderpferd gewesen sein", schreibt sie.

Michaela Scheidhacker, 66, hat zunächst als Zahnärztin gearbeitet, ehe sie zur Humanmedizin fand. Sie entwickelte das Therapeutische Reiten und half unzähligen Patienten.

(Foto: Claus Schunk)

1998 gründet Scheidhacker die Münchner Schule für Psychotherapeutisches Reiten zur Fort- und Weiterbildung von Ärzten, Psychologen und Therapeuten. Sie entwickelt eine Kurzzeit-Gruppenpsychotherapie mit Pferden und behandelt jährlich etwa 400 Patienten. Regelmäßig fährt von der Klinik in Haar ein Kleinbus raus nach Parsdorf. Daneben arbeitet Scheidhacker daran, ihre Arbeit wissenschaftlich zu untermauern. 30 Vorträge und Seminare hielt sie auf Kongressen von Deutschland bis in Neuseeland und verfasste mehr als 50 Veröffentlichungen. Von 1991 bis 2005 liefen in Haar-Eglfing 14 wissenschaftlich-empirische und literarische Studien, die die Wirkung des Therapeutischen Reitens untersuchten. Ein von Scheidhacker organisierter Kongress entwickelte sich 1998 unbeabsichtigt zu einem Weltereignis. Fachleute aus fünf Kontinenten reisten an.

Auf dem Symposium berichtet Scheidhacker vom einzigartigen Erlebnis mit einer Patientin, die "echte Heilung" erfahren habe. Diese habe sich zu einem offenen, einfühlsamen Menschen entwickelt. Heute sei sie Heilpraktikerin und eine Art Kollegin, die sich, wenn nötig, auch "professionell abzugrenzen" verstehe. "Von ihr habe ich als Therapeutin am meisten gelernt." Seit wenigen Tagen ist Scheidhacker im Ruhestand. Ihre Arbeit mit zwei klinikeigenen Pferden und Leihpferden führen Vanessa März, Reitpädagogin mit Schwerpunkt Psychotherapie, und die Psychologin Lisa Kreuzer fort.

Informationen zum Thema und zur Arbeit am Isar-Amper-Klinikum München-Ost finden sich auf der Seite www.psychotherapeutisches-reiten.de