Geheimdienste "Das ist natürlich etwas Unglaubliches"

Claire Winter studierte Literaturwissenschaften und arbeitete als Journalistin, bevor sie Autorin wurde. "Die geliehene Schuld" ist ihr drittes Werk nach "Die Schwestern von Sherwood" und "Die verbotene Zeit".

(Foto: privat)

Claire Winter stellt in Pullach ihren neuen Roman über Nazi-Seilschaften in der BND-Vorgängerorganisation vor

Interview von Julian Betz, Pullach

Mit ihrem zweiten Roman "Die verbotene Zeit" landete Claire Winter 2015 einen Bestseller. Nun erscheint ihr neues Buch "Die geliehene Schuld", eine fiktive Geschichte vor einem realen historischen Hintergrund: Es geht um die zu großen Teilen aus ehemaligen Nationalsozialisten rekrutierte "Organisation Gehlen", aus der schließlich der in Pullach angesiedelte Bundesnachrichtendienst (BND) hervorgehen sollte. An diesem Mittwoch liest die in Berlin lebende Autorin in der Charlotte-Dessecker-Bücherei in Pullach. Beginn ist um 19.30 Uhr.

SZ: Frau Winter, Ihr neuer Roman "Die geliehene Schuld" handelt von den heiklen Verflechtungen der BND-Vorgängerorganisation mit Nationalsozialisten. Der amerikanische Geheimdienst hat dabei eine Schlüsselrolle gespielt. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Die Idee kam bei der Recherche meines letzten Buches, "Die verbotene Zeit" von 2015, als ich mich mit einer Nebenfigur aus dem Reichssicherheitshauptamt der NS-Zeit beschäftigt habe. Ich wollte wissen, was mit diesen ganzen ehemaligen Mitarbeitern eigentlich passiert ist und habe dann angefangen zu recherchieren. Viele Erkenntnisse über diese Zeit sind ja auch erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten an die Öffentlichkeit gelangt, manche Akten der CIA standen beispielsweise noch unter Verschluss.

Sie schildern, wie ein ehemaliger Kriegsverbrecher in der BRD schließlich weiter aktiv sein kann und dabei auch noch enormen Einfluss ausübt. Letztlich erhält er sogar das Bundesverdienstkreuz. Wie erklären Sie sich das?

Das ist natürlich etwas Unglaubliches, man denkt sich: Das kann eigentlich nicht wahr sein. Erklärbar ist das natürlich nur von dem politischen Hintergrund dieser Zeit. Es herrschte im Westen eine große Angst vor dem Kommunismus und einer möglichen Unterwanderung der Gesellschaft durch deren Spione. Diese Angst wurde vom ehemaligen Generalmajor der Wehrmacht Reinhard Gehlen, dem Leiter der "Organisation Gehlen" und erstem Präsidenten des BND, natürlich auch geschürt. Die Amerikaner wollten unbedingt einen guten, neuen Geheimdienst und haben hierzu mit Gehlen kooperiert, der mit seinen Informationen aus der NS-Zeit in einer starken Position war. In dieser Zusammenarbeit entstand so natürlich eine gewisse moralische Dehnbarkeit. Gehlen konnte eigenmächtig Operationen durchführen und Mitarbeiter einstellen. So entstanden Seilschaften mit anderen Verbrechern des Dritten Reichs, was schließlich auch teilweise deren Flucht ins Ausland ermöglicht hat.

Die "Organisation Gehlen" musste schließlich von der CIA selbst ausspioniert werden, da sie die Kontrolle über das Projekt verloren hatte, wie Sie schreiben. Gibt es ihrer Meinung nach ein grundsätzliches Problem der Verselbstständigung bei geheimdienstlichen Organisationen?

Es gibt natürlich schon ein gewisses Problem der fehlenden Kontrolle von außen. Da ist immer ein gewisses Risiko, dass etwas geschieht, was so von der Öffentlichkeit vielleicht nicht für gut befunden worden wäre. Die Verantwortlichkeit des Geheimdienstes gegenüber der demokratischen Grundordnung muss dabei zwingend im Vordergrund stehen, und auch wenn es vielleicht keine absolute Kontrolle von außen geben kann - sonst wäre es ja kein Geheimdienst -, so halte ich es dennoch für sehr wichtig, dass es auf interner Ebene solche Mechanismen gibt. Man kann diese Organisationen nicht einfach abschaffen, das wäre nur in einer Idealwelt möglich. Damals war das jedoch auch eine ganz andere Zeit, das ist grundsätzlich schwer zu vergleichen.

Was war Ihnen wichtig, als Sie das Buch verfasst haben? Wollten Sie aufklären? Oder stand die Geschichte als solche im Vordergrund?

Als ich von dieser Geschichte erfahren habe, den historischen Umständen und Menschen, war das eine große Inspiration. Ich wusste, daraus kann man was machen, und das Thema hat mich sofort interessiert. 2013 war ich zum Beispiel auf verschiedenen Ausstellungen in Berlin anlässlich des Themenjahres "Zerstörte Vielfalt" und bin dabei auf Zeitzeugendokumente gestoßen. Die Menschen, über die ich dort etwas erfahren konnte, waren über ihre Eltern so vom Krieg geprägt, das hat mich schon beeindruckt. Mich hat einfach interessiert, wie es ist, wenn der eigene Vater ein Nationalsozialist war. Die Verbindungen zwischen den Figuren haben sich dann wie automatisch ergeben.

Werden Sie am Thema dranbleiben oder sich jetzt eher etwas Neuem zuwenden?

Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich bereits angefangen für ein neues Buch zu recherchieren, dabei wird es jedoch eher in Richtung Kalter Krieg gehen. Ich bin schon richtig eingetaucht in das Thema. Grundsätzlich finde ich es immer faszinierend, wie die verschiedenen Zeiten ineinander übergehen, wie das eine zum anderen führt und warum. Die Wechselwirkung zwischen Geschehnissen auf politischer und historischer Ebene und den Menschen selbst. Was das mit ihnen macht, wie sie sich dabei verändern und welchen Herausforderungen sie dabei gegenüberstehen. Das interessiert mich sehr als Autorin.

In der Reihe "Pullach in der Literatur" gastiert am Dienstag, 13. März, auch der Regisseur und Autor Chris Kraus ("Die Blumen von gestern") in der Bücherei. Er stellt seinen Roman "Das kalte Blut" vor. Darin geht es unter anderem um zwei SS-Brüder, die später beim Geheimdienst in Pullach anheuern.