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Fotografie:Analog aus Überzeugung

Der Fotograf Hermann Groeneveld lebt schon lange in Sauerlach, kehrt aber immer wieder in seine ostfriesische Heimat zurück. In einer Online-Ausstellung zeigt er eindrucksvolle Bilder aus Baltrum

Von Franziska Gerlach, Sauerlach

Der in Sauerlach lebende Künstler Hermann Groeneveld ist ein Freund von Ruhe und Entschleunigung.

(Foto: Hermann Groeneveld)

An manchen Tagen ist Hermann Groeneveld stundenlang auf seiner Insel unterwegs, folgt den Spuren, die die Sturmflut hinterlassen hat. Nur er und die Kamera, eine Leica M, die er mit zwei Objektiven in einem einfachen Rucksack verstaut, weil teure Fototaschen ohnehin nur geklaut würden, wie er sagt. Nur Groeneveld und diese konturlose Weite aus Himmel und Meer, nur er und diese Ruhe, die das autofreie Baltrum so reizvoll macht. Seit vielen Jahren kehrt der Fotograf, der ursprünglich aus dem ostfriesischen Landkreis Leer stammt und seit 1983 im Sauerlacher Gemeindeteil Altkirchen lebt, immer wieder auf die kleinste ostfriesische Insel zurück, die man nur mit der Fähre erreicht. "Da lässt man schon eine Welt hinter sich", sagt der 64-Jährige. So jedenfalls geht es ihm stets, wenn er die Insel betritt.

Unter dem Titel "Baltrum: Analog und Abstrakt" (http://bit.ly/37FQM5T) ist nun in Zusammenarbeit mit Ralph Oehlmann, einem Fotografen und Galeristen aus Straßlach-Dingharting, eine Online-Ausstellung entstanden, die bis 28 März angeschaut werden kann. 25 Aufnahmen aus den Jahren 2012 bis 2019 vereint die Schau, ein virtueller Rundgang, auf dem der Zuschauer vom Sofa aus teilhaben kann an Groenevelds Inselwelt. Mit Belichtungszeiten von manchmal bis zu zwei oder drei Minuten lässt der Fotograf Landschaften von bizarrer Schönheit entstehen, verwaschene Rillen und sanfte Wellen in Graunuancen, bei denen man nicht sogleich erkennt, ob hier Wasser fotografiert wurde oder Sand oder beides. Dann wiederum erheben sich die Sandkörner so vor deutlich vor dem Auge, dass man die feuchte Dichte des Strandes zu spüren glaubt. Er sei "analog aus Überzeugung", erläutert der Fotograf. Dennoch spricht der Vater zweier erwachsener Kinder dem Digitalen seine Daseinsberechtigung nicht ab, solche Seitenhiebe würden auch nicht passen zu dem Mann mit der nordisch-bedächtigen Art, der am Telefon erzählt, wie gut "sozialisiert" er in Altkirchen sei, und wie viel Freude ihm seine einjährige Enkeltochter bereite. Doch die Möglichkeiten der neuen Digitalkameras, diese ganzen Knöpfe und Einstellungen, reizen ihn nicht. Im Gegenteil: "Die Reduzierung auf das Wesentliche ermöglicht es, die Vielfalt zu entdecken", sagt Groeneveld. Das Analoge habe die Fähigkeit zur Entschleunigung.

Bis in die Neunziger hinein fotografierte der Künstler in Farbe, dann aber fand er im Schwarz-Weißen ein Zuhause, das ihm das Spiel mit Kontrasten erlaubt, mehr Optionen in der Gestaltung. Anfang der Achtziger bringt der Autodidakt an der VHS Puchheim anderen das Fotografieren von Landschaften bei, über zwanzig Jahre hinweg, bis 2004, verfasst er Kolumnen für Fotozeitschriften und Artwork-Magazine. Auch Kalender und Fotobücher hat der Sauerlacher veröffentlicht - etwa über die Basler Fasnacht. Ursprünglich wollte Groeneveld Journalist werden, über einen Cousin kam er Mitte der Siebziger nach München, wo er sich bei Siemens zum Kommunikationstechniker ausbilden ließ; seit mehr als 20 Jahren ist er in der Technischen Dokumentation tätig, weshalb er in Zeiten von Corona auch mal Belüftungssysteme beschreibt. Und wenn ihm die Produktfotos, die ein Kunde bereitstellt, nicht zusagen, kann es vorkommen, dass er schnell selbst noch welche schießt. Die Kamera und Groeneveld, sie sind ein eingespieltes Team: Zwölf Jahre war der gebürtige Ostfriese alt, als er über einen Schulkameraden zur Fotografie kam. Gemeinsam durchkämmten sie die Gegend nach spannenden Motiven, die sie in der selbst eingerichteten Dunkelkammer des Freundes entwickelten. "Das fand ich total spannend", sagt Groeneveld. Er spielt auch Kontrabass und singt im Chor. Doch seit das Coronavirus Kontakte so stark eingeschränkt hat, zieht er wieder häufiger mit der Kamera los, er hat die heimischen Wälder als Motiv entdeckt. Typisch für seine Herangehensweise ist, dass er seine Kamera lieber geduldig in seine Unternehmungen integriert statt spektakuläre Aufnahme erzwingen zu wollen. Ein Künstler, der warten kann. Wenn das Morgenlicht nicht mitspielt. Oder das Wetter. Aber nicht nur die Natur wird ihm zum Motiv, auch dem Menschen nähert er sich. Mit der Aufnahme eines Kontrabassisten, den er 2017 beim Bavarian Bass Camp fotografiert, hat er einen Augenblick größtmöglicher Intimität festgehalten: wie der Musiker den Arm entspannt um sein Instrument legt. Er hat außerdem eine Schwäche für Architektur, für ungewöhnliche Perspektiven und Spiegelungen, wie sie sich etwa in den Fensterscheiben von Amsterdam ergeben haben, wo sein Sohn, ein Jazzmusiker, studiert hat. Wer sich noch etwas umsieht auf Groenevelds Homepage, dem dämmert, wie wichtig dem Sauerlacher seine Familie ist. Er esse am liebsten das, was seine Frau gerade kocht, steht dort geschrieben. An diesem Tag gibt es Kochfisch mit Sahnesoße und Dill für sie selbst und den Sohn, der seinen Besuch angekündigt hat. Und "ein schönes Kurzgebratenes für mich", lacht Hermann Groeneveld. Die Sache ist nämlich die: Der Mann aus Ostfriesland mag keinen Fisch.

© SZ vom 04.03.2021
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