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Corona-Krise:"Man sollte sich Rückzugsmöglichkeiten schaffen"

Prof. Karl-Heinz Renner, Studiengang Psychologie, Bundeswehruniversität Neubiberg

Karl-Heinz Renner ist seit 2018 Dekan der Fakultät für Humanwissenschaften an der Bundeswehr-Universität.

(Foto: oh)

Karl-Heinz Renner, Professor für Persönlichkeits­psychologie und psychologische Diagnostik an der Bundeswehruniversität in Neubiberg, über die ganz persönlichen Herausforderungen der Corona-Krise und Wege, dem Stress zu Hause wirksam entgegenzutreten

Interview von Daniela Bode, Neubiberg

Zurzeit ist fast nichts wie sonst. Wegen der Corona-Pandemie arbeiten die meisten seit Wochen zuhause, gleichzeitig sind die Kinder zu beschulen und viele sorgen sich um die Großeltern. Wie man mit der herausfordernden Situation klar kommt, erklärt Karl-Heinz Renner, Professor für Persönlichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik an der Bundeswehruniversität in Neubiberg.

SZ: Das Zauberwort lautet jetzt Resilienz, also psychische Widerstandsfähigkeit. Hat der, der diese nicht besitzt, in dieser schwierigen Situation verloren?

Karl-Heinz Renner: Das würde ich nicht sagen. Für weniger resiliente Personen ist es aber sicher schwieriger, das psychische Gleichgewicht zu halten. Resilienz ist das Ergebnis eines Prozesses, sich erfolgreich an widrige Umstände anzupassen. Wer schon einmal richtigen Stress erlebt und erfahren hat, dass man einer Krise trotzen kann, hat es leichter.

Wenn Resilienz das Ergebnis eines Prozesses ist, wie kann man sie sich jetzt aneignen?

Man kann versuchen alles zu tun, was das physische und psychische Wohlbefinden und die Lebenskraft steigert. Es ist wichtig, dass sich jeder seine eigenen Ressourcen bewusst macht. Man kann sich überlegen, welche Stärken man hat und was einen auszeichnet. Ist man sportlich? Hat man Humor? Kann man gut organisieren? Man kann sich auch fragen, worauf man besonders stolz ist oder woran man sich gerne erinnert.

Wie kann man sich sonst noch stärken?

Viele Menschen müssen jetzt im Home-Office arbeiten oder sind vollkommen freigestellt und müssen gleichzeitig ihre Kinder beim Homeschooling unterstützen. In dieser Situation ist es sehr wichtig, neue tägliche Strukturen zu etablieren und beispielsweise festzulegen, wann gearbeitet wird und Hausaufgaben erledigt werden müssen. Das gibt Sicherheit und Orientierung. Planen Sie aber auch Zeiten für sich und Ihre Kinder ein, in denen jeder machen kann, worauf er gerade Lust hat. Man muss nicht jede Minute durchplanen, man sollte sich aber nicht gehen lassen. Das bedeutet auch, dass Sie etwa zur gleichen Zeit aufstehen und selbstverständliche Tätigkeiten wie Körperpflege und sich anziehen umsetzen. Es hilft auch, positive Rituale einzuführen wie Videokonferenzen mit Freunden und Familie. Im Home-Office sollte man Bewegungspausen einplanen. Ich gehe beispielsweise jetzt morgens zehn Minuten nach draußen und gehe mittags laufen. Denn solche Wege wie die Fahrt mit dem Rad zur Arbeit fallen ja jetzt weg.

Gibt es denn ein Mittelchen, das jedem in der Krise hilft?

Nein, ein Allheilmittel gibt es nicht. Man braucht einen persönlichen Mix. Bestimmte Bewältigungsstrategien sind aber funktionaler als andere. Es gibt etwa die einfache Regel: Leben Sie gesund. Das heißt bewegen Sie sich, ernähren Sie sich vernünftig und schlafen Sie genug. Das klingt vielleicht trivial, ist aber teilweise gar nicht so einfach umzusetzen. Manche neigen gerade in Stresssituationen dazu, viel Süßes zu essen. Auch der strukturierte Tagesablauf ist individuell zu sehen. Der eine plant alles von A bis Z durch. Der andere braucht das weniger, um sich wohlzufühlen. Eine funktionale Strategie ist auch, sich dem Problem aktiv zuzuwenden. Familien sollten also aktiv planen, was sie mit ihren Kindern tun, wie sie die Hausaufgaben organisieren können und was die Kinder gerne machen. Also planen, umsetzen und dann bewerten, ob es funktioniert hat.

Arbeit und Schule zuhause, man sitzt viel aufeinander. Da kann die Situation auch einmal eskalieren. Was ist dann ratsam?

Unter Stress erleben wir eine physiologische Übererregung. Um sich zu beruhigen, gibt es informelle Entspannungsmethoden. Jeder kann überlegen, was ihm in der Vergangenheit schon einmal geholfen hat, um sich zu beruhigen, also etwa ein Buch lesen oder spazieren gehen. Es gibt auch formelle Methoden wie Achtsamkeitsübungen. Dazu findet man jetzt auf den Internetseiten vieler Krankenkassen entsprechende Hinweise. Wenn sich die Kinder nicht gerade die Köpfe einschlagen, macht es auch Sinn, mal eine Minute innezuhalten, aus dem Fenster zu schauen und ruhig durchzuatmen. Das kann schon helfen, die erste Übererregung zu regulieren. Es ist außerdem ratsam, sich Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen und sich selbst und anderen zu erlauben, zeitweise alleine sein zu dürfen, gerade dann wenn man in einer kleinen Wohnung mehr aufeinandersitzt als sonst. Wichtig ist auch, wohlwollend miteinander umzugehen, also nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen.

Umdeuten der Situation schlagen Sie auch vor, also das Positive in der Krise sehen.

Ja, es gibt schon jetzt viele Beispiele für einen positiven und solidarischen Umgang mit der Krise. Der Kommissar und die Feuerwehrmänner in Aachen, die singend durch die Stadt gefahren sind, die Menschen, die zu vereinbarten Zeiten klatschen. Solche Aktionen geben ein Gefühl der Zusammengehörigkeit trotz der physischen Distanzierung. Resilienz ist außerdem nicht nur eine Sache des Einzelnen, sondern auch von Gruppen, des ganzen Staatswesens. Das ist das Positive, das wir jetzt lernen können: Welche Maßnahmen können wir ergreifen, um in der Zukunft mit Viren, die vielleicht noch gefährlicher sind, besser umgehen zu können?

Tipps zum Umgang mit der Krise finden sich auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Psychologie unter psychologische-coronahilfe.de.

© SZ vom 18.05.2020

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