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Auszeichnung:Ein guter Zug

Haar, Bürgerhaus, Escape Rooms, Ausbrecher beim Haarer Spiele-Abend

Kenner und Erfinder von Brettspielen: Tom Werneck vom Bayerischen Spielearchiv in Haar.

(Foto: Angelika Bardehle)

Spielearchive wie in Haar gehören künftig zum immateriellen Kulturerbe

Von Bernhard Lohr, Haar

Bei Tom Werneck landet kein Brettspiel unter dem Weihnachtsbaum. Was auf den ersten Blick überrascht, leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass der begeisterte Spieler als Leiter des Bayerischen Spielearchivs in Haar übers Jahr hinweg Hunderte Spiele zugeschickt bekommt. Bei ihm ist so gesehen jeder Tag Weihnachten, wenn der Briefträger ein Päckchen bringt. Nun aber hat der 80-Jährige kurz vor dem Fest eine richtige Bescherung erlebt: Per Brief vom bayerischen Staatsministerium für Finanzen und Heimat, in dem vom Weltkulturerbe und der Unesco die Rede ist.

Auf Betreiben des Bayerischen Spielearchivs Haar, des Deutschen Spielearchivs und des Spielzeugmuseums in Nürnberg wurde die Förderung von Brettspielen in das Landesverzeichnis guter Praxisbeispiele zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes im Sinne der Unesco aufgenommen. Damit steht man in einer Reihe mit Vereinen, die sich etwa für den Erhalt der Jurahäuser im Altmühltal einsetzen und somit zum Fortbestand einer kulturell bedeutsamen Eigenheit verdient gemacht haben. Es ist der vierte Eintrag bisher und für Werneck ein Sieg in einem kniffligen Spiel. Denn die Anforderungen waren hoch, auch weil für die Aufnahme in die Landesliste in der Regel ein regionaler Aspekt eine Rolle spielt.

Und der Bayer hält es nun mal mehr mit dem Kartenspiel, mit Schafkopfen und Watten, als mit Schach oder Siedler von Catan. Und Werneck geht es eben darum, das Brettspiel als kulturelles Erbe zu würdigen. Er ist selbst begeisterter Freizeitstratege. "Wir spielen fast jeden Tag", sagt er. Und zwar nicht elektronisch, wie er betont, sondern so, dass man sich dabei in die Augen schaut. Das Brettspiel sei ein "Kommunikationsvehikel". Man spiele miteinander, tausche sich untereinander aus und lerne, je tiefer man eindringe in Spielwelten, sehr viel über das Menschsein an sich. Selbst hinter einem einfachen "Mensch ärgere dich nicht", für das er Parallelen in Indien sieht, steckt für Werneck so viel drin: Laufen, Sterben, Wiedergeburt und Einzug ins Nirwana - das sei bei dem Würfelspiel zu erleben.

Weil es im Lauf der Zeit nicht bei "Mensch ärgere dich nicht" geblieben ist und laufend neue Spiele erfunden werden, sah sich Werneck gefordert. Er war Mitgründer der renommierten Auszeichnung "Spiel des Jahres" - zur Förderung des Kulturgutes Spiel, wie der offizielle Zusatz heißt. Werneck legte in den Neunzigerjahren mit anderen den Grundstein für das Deutsche Spielearchiv und gründete sein Archiv in Haar, in dem er heute etwa 25 000 Brettspiele aufbewahrt. Im März findet in Haar die 23. Internationale Spieleerfindermesse statt.

Der Antrag zur Aufnahme auf die Weltkulturerbe-Liste erforderte viel Mühe und strategisches Geschick, um alles richtig zu formulieren. Er habe über Monate mit Karin Falkenberg, der Leiterin des Archivs in Nürnberg, an Formulierungen "geschliffen wie an einem Diamanten". Der Regionalbezug ist durch die Archivtätigkeit in Nürnberg und Haar gegeben. Ein Spielforscher vom Institut für Ludologie in Berlin strich die Bedeutung des Brettspiels für familiäre Gemeinsamkeit heraus. Als nächstes möchte Werneck das Brettspiel selbst auf die Deutschlandliste des Immateriellen Kulturerbes bringen. Denn nach dem Spiel ist bei Werneck natürlich vor dem Spiel.

© SZ vom 21.12.2019
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