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Auktionshaus:Geschichte unter dem Hammer

Ob Steinschlossgewehre, ein Feldherrnstuhl aus dem römischen Lager Carnuntum oder Hitlers Zylinder - in den Herbstauktionen von Hermann Historica kommen Relikte aus vergangenen Zeiten zur Versteigerung. Für Militaria der Nazi-Zeit gelten dabei strenge Bestimmungen

Der Weg zu den schönen, obskuren und manchmal auch mit einer fragwürdigen Aura umgebenen Dingen aus vergangenen Zeiten führt in den Technopark. Schräg gegenüber der Kfz-Zulassungsstelle in Neukeferloh hat in einem nüchternen Bürogebäude das Auktionshaus Hermann Historica ein Stockwerk bezogen. Wer durch die Glastür tritt und rauf in das erste Obergeschoss geht, sieht sich plötzlich um Jahrzehnte und Jahrhunderte zurückversetzt. Hier blinken in einer Vitrine die Läufe historischer Feuerwaffen. In einer Ecke stehen Hellebarden, als hätte sie die Burgwache eben erst abgestellt.

Mindestens so verblüffend, wie der Anblick der alten Sachen, ist die Nonchalance, mit der man in dem Auktionshaus mit all dem umgeht, was man sonst nur aus Museen kennt. Im Eingangsbereich sitzt der Besucher auf einer Couch, Modell 2019, und blickt auf einen mit Nägeln besetzten Folterstuhl, etwas weiter hat jemand eine innen mit Nägeln versehene Eiserne Jungfrau platziert. Die mittelalterlichen Marter-Instrumente sind Nachbauten aus dem Historismus. Bis zu ihrem Verkauf schmücken sie den ansonsten modern möblierten Empfangsdesk.

In diese Szenerie passt zwischen all den mit reichlich Patina versehenen Objekten der mit betonter Lässigkeit auftretende Geschäftsführer Bernhard Pacher, 57. Der Jurist, der seine Herkunft aus der Steiermark nicht leugnen kann, führt jugendlichen Schrittes in sein Büro, vorbei an Kisten und an Handwerkern, die vor den ersten Auktionswochen am neuen Firmensitz noch letzte Hand anlegen. Und sofort spricht er die dunkle Seite seines Geschäfts an. Es ist der Handel mit Militaria und mit Gegenständen aus der NS-Zeit, der seinem Haus schon Kritik "skrupelloser" Geschäftemacherei mit Nazi-Devotionalien einbrachte. Und schon gibt Pacher die Geschichte von der seidenen Unterhose des Reichsmarschalls des Großdeutschen Reichs zum Besten. Als Hermann Görings Leibwäsche 2016 mit anderen skurrilen Relikten aus dem NS-Führungszirkel versteigert wurde, war die Empörung groß. Die Unterhose brachte freilich lediglich 3000 Euro ein und liegt heute Pacher zufolge im Fundus eines Militärmuseums in Asien. "Das kauft ein Neonazi nicht", sagt er. Drei Viertel dieser Verkäufe gingen an Museen. Das Interesse daran sei vor allem im Ausland groß. Der Handel mit Waren aus der deutschen Zeitgeschichte, zu der die NS-Zeit gehöre, mache zudem nur 20 Prozent aus.

Womit man zu den wirklich schönen Dingen kommen könnte, die überall zu sehen sind. Bei der Präsenzauktion werden von diesem Montag, 11. November, bis 20. November, antike Waffen und Rüstungen, historische Schusswaffen und erstmals antike Kunst und Kunsthandwerk an den meistbietenden verkauft. Am 21., 24. und 25. November folgt eine Online-Auktion. Zwölf Kataloge mit Objekten aus vielen Epochen wurden weltweit verschickt. 9000 Dinge wurden dafür fotografiert und Texte dazu verfasst. Einen Schwerpunkt bilden alte Schusswaffen, für die Pacher selbst ein Faible hat und die ihn als Sammler zum Kunden im Auktionshaus machten, bevor er 2018 dessen Geschäftsführer wurde. "Wir sind in Europa sicherlich das mit Abstand größte Auktionshaus für Schusswaffen", sagt er.

Seit etwa 50 Jahren gibt es Hermann Historica, das bis vor kurzem in der Linprunstraße hinter dem Justizzentrum in München auf beengtem Raum residierte. Jetzt habe man helle Ausstellungsräume, in denen man Ware schön präsentieren könne, sagt Pacher, man sei gut erreichbar, auch mit dem Auto, und es gebe 50 Parkplätze am Haus.

Beim Gang durch das gut 2000 Quadratmeter große neue Domizil mit 35 Mitarbeitern kommt man an Räumen vorbei, in denen Experten eingegangene Ware prüfen. An einem der vier Fotografen-Arbeitsplätze liegen Schwerter, die für einen Katalog abgelichtet werden. Der Auktionsraum steht voll mit Möbeln, Büsten, Vasen zur Besichtigung. Darunter ist ein römischer Feldherrenstuhl, der im Römerlager Carnuntum in Niederösterreich ausgegraben wurde. "Der Vorläufer des Campingstuhls", sagt Pacher. Wer genau hinschaut, sieht, dass die Metallbeine Goldmuster zieren. 14 000 Euro sind als Startpreis ausgeschrieben. Man dürfe nicht zu hoch ansetzen, sagt Pacher, wenn man wolle, dass ein Bieter-Wettkampf entbrenne. Viele Ölgemälde gibt es, viele Porträts. Unter einem von Kaiserin Sisi steht als Startpreis 2000 Euro. Pacher hofft auf deutlich mehr. Denn: "Sisi sells."

In dem Raum, den Pacher das "böse Zimmer" nennt, steht ein Wehrmachts-Fahrrad, in den Vitrinen liegen SS-Fahnen, Orden. Es gibt Porzellan der von der SS betriebenen Manufaktur in Allach mit Figuren in Heldenposen. Im 400 Seiten dicken Zeitgeschichts-Katalog für die Auktion finden sich ein Zylinder von Adolf Hitler, Kleider von Eva Braun und Handschriften hochgestellter Nationalsozialisten. Der Handel mit solcher "Drei-R-Ware", sagt Pacher in Anlehnung an den Begriff "Drittes Reich", sei reglementiert. Zum Handel zugelassen würden bei der Herbstauktion nur Personen, die dem Auktionshaus bekannt oder überprüft seien. Sie müssten unterzeichnen, die strafrechtlichen Bestimmungen zur Verbreitung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen einzuhalten. Ohne Unterschrift bleibe der Zugang zu diesen Waren auch online verwehrt. An der Tür zum "bösen Zimmer" hängt ein Schild, das auf die Bestimmung verweist.

Ein besonderer Raum ist in der neuen Zentrale in Grasbrunn auch die mit dicken Wänden und Metalltüren gesicherte Waffenkammer, in der 4000 historische Pistolen, Gewehre und einige Maschinengewehre ausgestellt sind. Ins Schwärmen kommt Pacher beim Anblick alter Steinschloss-Gewehre und -Pistolen aus dem 17. Jahrhundert, in deren Messingläufe Muster geätzt sind und deren Schäfte Intarsien schmücken. Er nimmt in der Waffenkammer eine Winchester aus dem 19. Jahrhundert, eine Henry-Rifle, in die Hand. "Das Gefühl für Haptik und Material" sei verloren gegangen, sagt Pacher beim Verlassen der Waffenkammer, deren Alarmsystem bei der nächsten Polizeistation aufgeschaltet ist. Bei zwei Fehlalarmen sei innerhalb von drei Minuten die Polizei im Haus gewesen.

Der höchste Startpreis der Auktion ist mit 130 000 Euro für eine Sammlung von 32 Steinschlossgewehren ausgeschrieben. Sie wurden um das Jahr 1700 für Herzog Georg I. von Braunschweig-Lüneburg gefertigt, der von 1714 an in Personalunion als König von England regierte. Es sei die "größte geschlossene Sammlung" von Gewehren dieser Art, sagt Pacher. "Die sind einfach 300 Jahre in einer schönen Vitrine vor sich hingestanden." Jetzt suche man neue Besitzer. Dem Auktionshaus gehöre nichts, man schlage die Ware nur um. "Wir sind im Prinzip ein Recyclingunternehmen."