bedeckt München
vgwortpixel

Aschheim:Vorbild Island

AFK-Geschäftsführerin Martina Serdjuk ist 34 Jahre alt, hat Agrarwissenschaft studiert und ist schon länger im Bereich Geothermie tätig.

(Foto: Claus Schunk)

Die neue Geschäftsführerin Martina Serdjuk übernimmt das gemeinsame Geothermieunternehmen von Aschheim, Feldkirchen und Kirchheim in einer Zeit, in der wichtige Entscheidungen anstehen.

Es roch nach Schwefel, als Martina Serdjuk in der isländischen Hauptstadt Reykjavík aus dem Flugzeug stieg. Der Geruch zeugte von der Nutzung der Geothermie. Island ist die Insel der Geysire und Vulkane, dort werden schon seit mehr als 100 Jahren Löcher in den Untergrund gebohrt, um heißes Wasser und heißen Dampf zu fördern, über Leitungen in den Städten zu verteilen, um Gebäude, Gewächshäuser, Schwimmbäder zu beheizen. Öl oder Gas nutzt dort praktisch niemand. Serdjuk, die damals Agrarwissenschaft studierte und ein Praktikum auf einem Pferdehof machte, war davon fasziniert. Heute ist sie 34 Jahre alt und für ihr eigenes Geothermiewerk verantwortlich: als neue Geschäftsführerin des Kommunalunternehmens AFK-Geothermie GmbH in Aschheim.

Das Team sei eingespielt, der Betrieb gut eingefahren, sagt sie. Dennoch stehe sie vor spannenden Fragen: Wie geht es weiter mit der Geothermie in Aschheim, Feldkirchen und Kirchheim? Wann kommen die nächsten Bohrungen? Und können sich das die drei Gemeinden, die das Werk gemeinsam tragen, überhaupt leisten? Voraussichtlich im nächsten Jahr nach der Kommunalwahl müssen sich die Gemeinderäte entscheiden, ob und wann sie erneut bohren wollen. Serdjuk arbeitet bereits heute daran, ihnen eine Grundlage für diese Entscheidung zu liefern.

Vor etwas mehr als zehn Jahren taten sich die drei Nachbargemeinden Aschheim, Feldkirchen und Kirchheim zusammen und gründeten das Energieunternehmen. Damals, 2008, war die AFK das erste interkommunale Geothermieprojekt Deutschlands. Seitdem ist es immer weiter gewachsen: Heute sind die Fernwärmeleitungen mehr als 80 Kilometer lang, etwa 1000 Kunden, darunter kleine Haushalte und große Firmen, zählt die AFK. Und das Netz werde immer weiter verdichtet, sagt Serdjuk. Wer sich dafür interessiere, seinen Haushalt anzuschließen, könne jederzeit anrufen. Doch irgendwann stoßen die Kapazitäten an Grenzen. Und wie es dann weitergeht, ist auch eine Frage des Geldes.

Die ersten Bohrungen haben 15 Millionen Euro gekostet

Die bereits erfolgten Bohrungen haben laut Serdjuk circa 15 Millionen Euro gekostet. Mit einem ähnlichen Betrag rechnet der Aschheimer Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende des Unternehmens Thomas Glashauser (CSU) für eine dritte und vierte Bohrung. Um das fast 86 Grad heiße Wasser zu fördern, muss man in Aschheim bis zu 2700 Meter in die Erde bohren. Doch das sei gar nicht das Teuerste an dem Projekt, sagt Glashauser. Das Aufwendige seien Planungen und Genehmigungen. Und diese kosten nicht nur Geld, sondern auch Zeit.

Würden sich die Gemeinden heute für weitere Bohrungen entscheiden, könne es zwischen drei und fünf Jahre dauern, bis tatsächlich Energie gewonnen wird. Glashauser hält die Bohrungen für notwendig. Denn die Gemeinden wachsen. In Kirchheim etwa entstehen neue Viertel für Tausende Einwohner, eine neue Schule, ein neues Rathaus - alles Gebäude, die mit Geothermie versorgt werden könnten. Gleichzeitig, sagt die neue Geschäftsführerin Serdjuk, seien die Zeiten für Geothermie günstig: In ihrem Klimaschutzprogramm hat die Bundesregierung einen CO₂-Aufschlag auf Sprit, Heizöl und Gas. Geothermie gilt als ökologische Alternative. Erdwärme ist im Prinzip überall nahezu unbegrenzt verfügbar und zwar jederzeit, unabhängig von Wind, Sonne oder Wetter. Es gibt Schätzungen, dass Deutschland im Erdinneren theoretisch so viel Energie hat, dass es für 10 000 Jahre reichen würde. Doch die Technologie birgt auch Risiken: An verschiedenen Orten gab es Erdbeben, Risse an Gebäuden traten auf.

74 Prozent der Wärme stammt aus der Geothermie

Serdjuk ist jedoch von Geothermie überzeugt und - auch wenn sie Agrarwissenschaften studiert hat - bereits seit vielen Jahren mit dieser Art der Energiegewinnung beschäftigt: Bevor sie nun Geschäftsführerin der AFK wurde, hatte sie für eine Anwaltskanzlei gearbeitet, die das Kommunalunternehmen beriet. Serdjuk übernahm die Position von Sebastian Ruhland, der nach nur zwei Jahren als AFK-Geschäftsführer seinen Vertrag ein Jahr vor Ende der Laufzeit aufheben hatte lassen. Er ist laut Glashauser zu seinem alten Arbeitgeber zurückgekehrt. Probleme habe es keine gegeben, vielmehr habe er Serdjuk in der Übergangsphase unterstützt. Auch wenn ihr das Eingewöhnen leicht gefallen sei, sagt sie.

Serdjuks Hauptaufgabe derzeit: Prozesse zu optimieren. Im Sommer gelinge es bereits, die Wärme ausschließlich aus der Geothermie zu gewinnen, im Winter sei man allerdings auf fossile Energie, auf Heizöl und Gas, angewiesen. Trotzdem sei das Ergebnis gut, sagt Serdjuk: In den vergangenen zwölf Monaten habe der Anteil der Wärme aus Geothermie im Wärmenetz der AFK bei etwa 74 Prozent gelegen. "Natürlich ist 100 Prozent der Anspruch", sagt Serdjuk. So wie in Island.