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Architektouren:Ein Kaffeemühlenhaus kommt in der Moderne an

Alt und Neu nebeneinander: Die neuen Besitzer des ehemaligen Künstlerhauses legten Wert darauf, beides harmonisch zu verbinden.

(Foto: Claus Schunk)

Die Architekten Händel und Junghans haben in Pullach ein altes Haus saniert und erweitert, in dem einst die Künstlerin Irma Hünerfauth lebte und arbeitete. Heute wohnt dort eine Familie.

Eine Verbindung herzustellen zwischen alter Bausubstanz und modernen Vorstellungen von Komfort ist nicht immer leicht, weder für den Architekten noch für die zukünftigen Bewohner. Ungleich schwieriger gestaltet es sich, wenn nicht nur das alte Gebäude entkernt werden muss, sondern zusätzlich noch ein moderner Anbau den ruhigen und harmonischen Anschluss zu finden hat an etwas, dessen Stil man schlecht imitieren kann - und auch gar nicht will.

Schon immer seien sie auf der Suche gewesen nach so einem Haus, erzählt das Bauherren-Ehepaar zufrieden, bis man es schließlich in Form des aktuellen, in den Dreißigerjahren erbauten "Kaffeemühlenhauses" entdeckt habe. Der quadratische Grundriss und das typisch spitze Dach hätten ihnen zugesagt, und darum sei die Entscheidung auf den renovierungsbedürftigen Altbau gefallen. Dennoch gab es vorab erst einmal einige Hürden zu überwinden, wie der verantwortliche Architekt, Marcus Caspar Junghans, erklärt: Die Wohnfläche sei für die vierköpfige Familie mit zwei Kindern im Alter von 12 und 15 Jahren schlicht zu wenig gewesen. Der bis dahin vorhandene Anbau - das ehemalige Atelier der Künstlerin Irma Hünerfauth, die nach dem Zweiten Weltkrieg lange in dem Haus gelebt hatte - musste darum weichen und wurde durch einen modernen Anbau mit dunkler Klinkerfassade ersetzt.

"Das alte Haupthaus ist eins zu eins wiederhergestellt worden"

Vor dem Um- und Anbauarbeiten musste der feuchte Keller zunächst trockengelegt werden, was ein Jahr dauerte. Überhaupt, erinnert sich Junghans, sei wegen der schlechten Substanz nicht viel vom Originalgebäude übrig geblieben. Da kein Denkmalschutz bestand, hätte man es durchaus einfach abreißen können, doch das sei für das Paar aus Solln nicht in Frage gekommen. "Das alte Haupthaus ist eins zu eins wiederhergestellt worden", berichtet der Bauherr. Selbst das Treppenhaus im Erdgeschoss habe ein Schreiner komplett nachgebaut, da das alte technisch nicht integriert werden konnte.

Beim Neubau verweist der Architekt auf die Übernahme der Dachschräge von Alt zu Neu sowie auf den nur im Erdgeschoss realisierten Verbindungstrakt. Der Altbau sollte nicht erschlagen werden, betont er und führt die Besucher auf die Dachterrasse über diesem Trakt. Mittels eines auffahrbaren Fensters im Dach des Neubaus könne man quasi im Freien von einem Gebäudeteil in den anderen wechseln, erläutert Junghans dort den erstaunten Gästen.

Auch innen ließen sich die Bauherren sichtlich auf keine Kompromisse ein: edles Holzparkett, stilsicher aufeinander abgestimmte Designer-Möbel, spezielle Schränke zur temperaturgerechten Kühlung von Wein und hochmoderne Sanitäranlagen. Passend zur Zweiteilung des Ensembles wurden auch die Zimmer aufgeteilt. Der alte Gebäudeteil diene als Kinderbereich, mit zwei Zimmern für die Söhne und einem kleinen Wohnzimmer, während die Eltern ihr Schlafzimmer und den Ankleideraum im Neubau eingerichtet haben. Das gesamte Erdgeschoss, welches in beide Gebäudeteile reicht, beherbergt somit den gemeinsamen Teil mit Essbereich, Küche und großem Wohnzimmer inklusive breitem Kamin. Zwei Jahre habe man sich Zeit gelassen, so der Bauherr, sie wollten sich nicht drängen lassen.

Nach den umfangreichen Umbauten ist von der Künstlerin Irma Hünerfauth, die viel mit Schrott arbeitete und die Fassade des Hauses mit Kunstinstallationen geschmückt hatte, nun beinah nichts mehr zu sehen. Ein kleines Andenken haben die Bauherren jedoch im Eingangsbereich belassen: Eine Fliesentafel, nicht groß, aber deutlich zu sehen, ist in die Wand eingelassen. Darauf zu lesen ist ein Gedicht des Schriftstellers und Schauspielers Alfons Teuber, in dem dieser sich an die rebellische Künstlerin wendet, die ähnlich wie Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle seinerzeit der bourgeoisen Gesellschaft einigen Spott zukommen ließ. Auch sie müsse einmal zur Ruhe kommen zwischen all der Arbeit, heißt es darin. Eine Botschaft, die sich die Bauherren offenbar zu Herzen genommen haben.