Kurzkritik:Würdiger Einstieg

Internationale Orgelwoche Nürnberg startet mit tollen Konzerten

Von Paul Schäufele, Nürnberg

Dass der Mensch "ein Wohnhaus grimmer Schmerzen" ist, wissen wir seit Andreas Gryphius' Gedicht "Menschliches Elende" (1637). Dennoch fragt das Programm, das die Sopranistin Anna Prohaska und Wolfgang Katschner, Chef der "Lautten Compagney Berlin", im Vorjahr erarbeitet haben, erneut: Was bietet der gefallenen Schöpfung Trost? Wie sich schützen vor anbrandendem Unflat, Sünde und Gebrechen? Mit bestechender Intelligenz und Fantasie skizzieren Prohaska und Katschner Antworten und bescheren der Internationalen Orgelwoche Nürnberg einen Maßstäbe setzenden Einstieg.

Sie schöpfen aus einem reichen Fundus. Darin enthalten eine kenntnisreich zusammengestellte Auswahl von Sopran-Arien und Instrumentalnummern aus Bach-Kantaten, die spielerische Kreativität von Katschners Barock-Ensemble samt seiner Capella Angelica, Anna Prohaskas sinnlicher Sopran, ihr dramatisches Spannungsvermögen und ihre inspirierte Textdeutung. Im beziehungsreichen Arrangement seiner Teile erinnert der Abend in Sankt Sebald stellenweise an die Tradition barocker Emblematik, einer dreiteiligen Kunstform aus Motto, pictura und conclusio, in der sich die einzelnen Glieder wechselseitig erhellen. Motto: Die barocke Jenseitsliebe, mit opernhaftem Brio ausgesungen, und am Ende die Frage an den stummen Dialogpartner - "Mein Heiland, ich sterbe mit höchster Begier, hier hast du die Seele, was schenkest du mir?" (BWV 57). Als Bild das göttliche Schutzversprechen, figuriert in einer Instrumentalfassung der Arie "Schafe können sicher weiden" (BWV 208). Und die Conclusio: "Es ist und bleibt der Christen Trost, dass Gott vor seiner Kirche wacht" (BWV 44), eine enthusiastisch musizierte Bestätigung. Die raffinierte Dramaturgie macht das Konzert zum Erlebnis.

Nicht weniger existenziellen Themen widmet sich Martin Schmeding im ersten Orgelkonzert des Musikfests unter dem Titel "Zuflucht und Aufbruch". Herzstück der Sammlung ist Max Regers große Fantasie über den Choral "Straf mich nicht in deinem Zorn", die gewaltsam komplexe Auseinandersetzung Regers mit seinem Glauben. Schmeding stürzt sich in die Partitur und entwirft die Tonspur zur Biografie eines Menschen, der seine Krisen in Musik umsetzt. Dabei strahlt Schmedings Souveränität am Instrument förmlich ab. Er ist über jede Schwierigkeit erhaben und kümmert sich um die Architektur des Stückes. "Le jardin suspendu" von Jehan Alain kennzeichnet den Gegenpol. Auch hier wird Zuflucht gesucht, doch in einem kleinen Utopia, dem hängenden Garten, hörbar gemacht durch zarte, gläserne Klänge. Das Finale, Johannes Kalitzkes "... mit gänzlich fremder ähnlichkeit" ist eine Synthese, in der Schmeding Klangballung und Klangauflösung ineinander überführt.

Ein packendes Konzert und ein würdiges Entrée für die instrumentale Protagonistin des Musikfests im siebzigsten Jahr seines Bestehens.

© SZ vom 28.06.2021
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