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Kurzkritik:Weltoffen

Das "A.E.R.A.-Quartett" baut im Fraunhofer musikalische Brücken

Von Dirk Wagner

Wie eine Marionette, die ihre eigenen Fäden zieht, schreitet Rudolf Roth, der Schlagzeuger des A.E.R.A.-Quartetts, zwischen den an Tischen platzierten Zuschauern im Fraunhofer-Theater. Die Trommelstöcke in seinen Händen scheinen dabei das Spielkreuz zu sein, mit dem er seinen Körper zum Andante aus Vivaldis Mandolinenkonzert in G bewegt. Nur dass das restliche Ensemble besagtes Andante nicht auf Mandolinen spielt, sondern mit einer Bassklarinette, einer Oud und mit eigentümlichen, zum Teil selbstgebastelten Instrumenten, zu der der Saz-Spieler für dieses Stück gewechselt hat. Darunter ein Xaphoon, das klanglich mit jener Klarinette harmoniert, mit dem das Holzblasinstrument nun die Mandolinen ersetzt.

Sodann begibt sich der Drummer wieder auf die kleine Bühne, wo er auf einer Bechertrommel, einer Glocke, einem Becken und zwei Rahmentrommeln spielt, die er platzbedingt zu einem Ersatzschlagzeug arrangiert hat. Nur dass der Ausdruck "Ersatzschlagzeug" hier verkennt, mit welcher Spielfreude Roth nun ganz neue, spannende Klangfarben aufspürt. Klangfarben, die für sich genommen schon all das ausmachen, wofür das vom A.E.R.A.-Quartett gemalte Klangbild steht: eine musikalische Reise, die ganz im Sinne von Goethes westöstlichem Divan Orient und Okzident vereint. Da fließt Bachs Bourrée auch mal in ein sephardisches 9/8-Stück. Und die bairische Volksweise "Die Abenteuer der Oiden Kath", wie man sie auch als Titelmusik zu Doctor Döblingers Geschmackvollem Kasperltheater kennt, tanzt im orientalischen Gewand.

Wobei solche Annäherung zweier Welten selbstverständlich keine Erfindung des A.E.R.A.-Quartetts ist. Schon der Sultan Abdülaziz, mit dessen Komposition "Hicaz Mandıra" das einstündige Konzert begann, hatte als Verehrer den Bau von Richard Wagners Opernhaus in Bayreuth finanziell unterstützt. Die Musik des A.E.R.A.-Quartetts baut indes eine Brücke, die ob seiner gesellschaftlichen Bedeutung womöglich prächtiger ist als jedes Opernhaus.

© SZ vom 16.10.2020

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