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Kurzkritik:Was möglich ist

Die Münchner Philharmoniker spielen wieder vor Publikum

Normal ist hier noch gar nichts. Zwar spielen die Münchner Philharmoniker wieder vor Publikum, und ihr Chef, Valery Gergiev dirigiert selbst, aber die Anmutung dieser Veranstaltung ist von einer sagenhaften Trostlosigkeit. Nicht das Konzert selbst, nicht das Musikantische, nicht die Kunst. Aber 100 Menschen in der Philharmonie, in die 2400 hineinpassen - da hat man schon in Anspielproben mehr Zuhörer erlebt. Klar, die Philharmoniker machen das Maximum dessen, was gerade möglich ist. Und da Bayern über den für die Kunst offenkundig nutzlosesten Kunstminister aller Bundesländer verfügt, ist halt kaum etwas möglich. Tags zuvor in Dresden, Sachsen, auch ein Freistaat, durften sich immerhin 300 Zuschauer auf die 1300 Plätze der Semperoper verteilen. Höchst diszipliniert. Hochkulturpublikum neigt selten zum Randalieren.

Die Masken bleiben auch im Gesicht, in Dresden durfte man sie abnehmen. Absurd. So viel Abstand zueinander wie in der Philharmonie gibt es auf keiner Wiese, in keinem Lokal, in keinem Geschäft, keiner U-Bahn und keinem Kabinett.

Aber den Musikern verhagelt die bizarre Situation die Laune nicht. Intendant Paul Müller erklärt noch schnell das Prozedere - keine Garderobe, keine Pause, kein Catering, kein Programmheft, das Repertoire wird an die Situation angepasst. Mehr als gut 40 Musiker braucht man an diesem Abend nicht, das Orchester wird halbiert, die andere Hälfte wird am Donnerstag spielen. Allerdings wird alles fürs Netz aufgezeichnet, was zu interessanten Umbaupausen zwischen den Stücken führt.

Also: Prokofjews erste Symphonie, die "classique". Tänzerisch leicht, aber von Valery Gergiev auch mit großer Geste versehen, bei der er die Struktur nicht unbedingt überbetont. Danach: Das Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester von Schostakowitsch. Die Pianistin Anna Vinnitskaya tobt mit eigensinniger Vertrautheit durch ihren Part, Guido Segers trägt an der Trompete seinen Part dazu bei, die Dimensionen dieses Stücks zwischen Kitsch, Pathos und brüchiger Avantgarde auszuloten. Ein kompromissloses Erlebnis, auf das Schuberts "Unvollendete" folgt. Gergiev lässt Klang und nur Klang produzieren, was ein lang ersehntes, symphonisches Live-Erlebnis ist, ohne gleich zu aufregend zu sein.

© SZ vom 25.06.2020

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