bedeckt München 13°

Kurzkritik:Von Auge zu Auge

Die Rapperin Haiyti tritt im Innenhof des Lucky Who auf

Von Stefan Sommer

Haiyti gibt ein Konzert. Die Wahlberliner Rapperin, die kreischen kann wie Janet Leigh und großkotzen wie Falco, hat ein Mikro in der Hand - und darf es tatsächlich benutzen. Sie jammert hinein. Sie säuselt hinein. Sie blödelt hinein. Eine Brigitte-Bardot-Perücke auf dem Kopf, eine Goldkette um den Hals tänzelt die Mittzwanzigern damit auf der Bühne hin und her. Ja, tatsächlich auf einer Bühne. Nicht nur im Internet, nicht nur in High-Definition, sondern in Fleisch und Blut: Vor ihr sitzen Menschen, die ihr zuhören und, wenn sie eine Pause macht, klatschen. Echte Finger von echten Menschen, die in echter Wonne und echter Verneigung aufeinanderdonnern. Sie tragen Masken und tanzen nicht, aber sie sind da. Die vorlaute, düstere, urkomische, messerscharfe, arschcoole Haiyti und das Publikum können sich in die Augen schauen, ohne dass ein Monitor sie trennt.

Organisiert hat dieses Spektakel aus einer anderen Zeit die Gema. Die Gesellschaft für Musikrechte will mit diesem Experiment im Innenhof des Clubs Lucky Who am Sonntagabend beweisen, dass auch solche mittlerweile ungewöhnlichen Ereignisse zur neuen Normalität gehören könnten. Als drittes Konzert der Reihe bildet der Auftritt der Rapperin den Abschluss eines Testlaufs. Mit den Gigs von MoTrip, Nils Wülker, Arne Jansen und Haiyti hat die Gema über die vergangenen Wochen in München Konzepte für einen veränderten Konzertbetrieb ausprobiert. Strenge Hygienemaßnahmen, Maskenpflicht, Fieberkontrolle, Sitzplätze und ein kleines Publikum dienen als Instrumente, um für die von der Pandemie angeschlagene Musikindustrie Alternativen zu finden. Ob solche kostenintensiven Leuchtturmprojekte in Serie gehen und Musikerinnen und Musikern sowie Konzerthallen die Zukunftssorgen nehmen können, bleibt aber abzuwarten. Die Nähe und Intensität eines Konzerts ohne Sperrzonen, ohne die Angst vor Aerosolen in der Luft, kann so ein Abend nämlich leider auch nur bedingt herstellen.

© SZ vom 08.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite