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Kurzkritik:Verheißung

Berühmte Opernmelodien im Gärtnerplatztheater

Wann je hat man die Echos der Priester in "O Isis und Osiris" des Sarastro (Christoph Seidl) so erhaben erlebt, wie jetzt bei 18 in den Rängen verteilten Chor-Herren des Gärtnerplatztheaters. Die Zuhörer des wunderbaren Abends mit dem Motto "Mein Sehnen, mein Wähnen" sitzen mit Abstand und Maske auf der Bühne und schauen in den Zuschauerraum, der seine ganze Schönheit offenbart. Wenn der Vorhang sich hebt, der Lüster hochgezogen und ein kleines, 14-köpfiges Orchester unter Leitung von Anthony Bramall sichtbar wird, könnte man weinen ob der Verheißung, hier wieder live - wenn schon kein ganzes Werk so doch - "berühmte Opernmelodien" zu erleben. Alles erklingt mit einer Intensität und schillernden Schönheit, wie sie sich in Monaten der Zwangspause wie Lava angestaut hat.

Mária Celeng beginnt lasziv mit dem provokativen Walzer der Musetta aus der "Bohème", bevor sie später als Zerlina mit Matija Meić als Giovanni ein "Là ci darem la mano" singt, das dank blauer Einmalhandschuhe und dem geschickten Einsatz einer Sprühflasche ironisch-erotisch aufgeladen wird, wie überhaupt Spielleiter Lukas Wachering Hygiene- und Abstandsregelungen, etwa im Duett "Un segreto d'importanza" mit Meić/Páll, choreografisch einsetzt. Doch er kann nicht verhindern, dass Timos Sirlantzis seinen schleimig-widerlichen Lobpreis der Verleumdung aus dem "Barbiere" sichtbar sprutzend in die Welt spuckt!

Zärtliches Sehnen verströmt der junge Bariton Daniel Gutmann mit "Lieben, hassen, hoffen zagen", große Belcanto-Oper geben Jennifer O'Loughlin ("Linda di Chamounix") und der feine Rossini-Tenor Guyla Rab zum Besten; auch er unterstützt vom Herrenchor, wenn er schwärmerisch lustvoll die perfekten Spitzentöne abschießt in "Sì, ritrovarla io giuro" ("La Cenerentola"). Im Februar hatte ein fulminanter "Rigoletto" Premiere. Jetzt gibt es mit O'Loughlin, Krasnec, Anna-Katharina Tonauer und Meić das große Quartett - in der Hoffnung, diese Produktion bald wieder auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters szenisch erleben zu dürfen.

© SZ vom 20.06.2020

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