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Kurzkritik:Strahlend

Die Münchner Philharmoniker überzeugen unter David Afkham

Von Klaus Kalchschmid

Zu Beginn des "Urlicht" singt Matthias Goerne in der Philharmonie: "Der Mensch liegt in größter Not, der Mensch liegt in größter Pein!" Denkbar bewegend und sichtlich bewegt gestaltet der Bariton auch vier weitere "Wunderhorn-Lieder" von Gustav Mahler. Und er findet dafür eine reiche Palette an Ausdruck und Farben. Sie reicht von hellen, androgynen Pastelltönen in hoher Lage bis zur pastosen Bass-Grundierung. Der naive, verliebte Volkston des "Rheinlegendchens" berührt ebenso wie das melancholische Säbelrasseln der Soldaten, die in "Wo die schönen Trompeten blasen" und "Revelge" Schmerz und Sterben mit lautem Singen bekämpfen, bevor bei "Des Antonius von Padua Fischpredigt" Mahlers Ironie noch einmal unverstellt zum Ausdruck kommt.

Ein dreisätziges Trio von 1944 des 26-jährigen Bernd Alois Zimmermann ging in einer Fassung für Streichorchester voraus. Die Philharmoniker werden nicht nur der expressiven "Aria" gerecht, sondern auch den neoklassizistisch verbrämten Passagen. Die Anspielungen auf Beethovens "Große Fuge" wie Strawinskys "Sacre" klingen überraschend natürlich.

Als Abschluss gab es Ludwig van Beethovens selten gespielte zweite Symphonie; nun zum dritten Mal innerhalb eines Dreivierteljahres live in München. Wenn die Erinnerung nicht trügt, übertrafen die Münchner die Wiener Philharmoniker im März und sogar das Staatsorchester unter Vladimir Jurowski vor wenigen Wochen. Denn die Leuchtkraft, die unter Leitung von David Afkham aus allen Instrumentengruppen strahlte, das hohe Spannungslevel und die Qualität im Detail überzeugten. Schon der Kopfsatz war ebenso klar strukturiert wie er in Ausdruck und klanglicher Formung überwältigte. Die relativ groß besetzten Streicher hörten sich nie sämig an, sondern glänzten stets mit dramatischem Kern. Im langsamen Satz gab es berückend schöne Momente, bevor nach prägnantem Scherzo das Finale noch einmal zu großer, vital vibrierender symphonischer Form auflief.

© SZ vom 27.10.2020
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