bedeckt München

Kurzkritik:Neue Räume

Stephan Herwigs Tanztheater "In Feldern" im Schwere Reiter

Von Rita Argauer

Dass ein Bühnenbild die Arbeit des Münchner Choreografen Stephan Herwig bildhafter machen würde, damit brauchte man nicht zu rechnen. Das erste Mal aber gibt es nun etwas auf der Bühne, was kein Tänzer ist: Eine Art Netz, gespannt in einen Doppelrahmen, entworfen von Mirella Oestreicher, teilt den Bühnenraum im Schwere Reiter in zwei Flächen wie ein Tenniscourt. Interaktion damit gibt es in dem knapp einstündigen Stück "In Feldern" nur indirekt - doch die vier Tänzer, die sich in fließenden Modern-Dance-Bewegungen zum zirpend-klirrenden und dräuend- bassigen Drone-Sound durch den Raum bewegen, können sich durch das Objekt neue Räume erschließen: Das Publikum aufgeteilt auf zwei Seiten, dazwischen das Netz und ziemlich viele Möglichkeiten um eine Bühnenfront, ein Vorne, ständig neu zu etablieren.

Um sich den Choreografien Herwigs zu nähern, muss man sich auf solche Details einlassen. Denn oberflächlich passiert da nicht viel. Vier Tänzer, zwei Frauen und zwei Männer, reagieren auf Klang, Energie, Nähe und Distanz - mit Bewegungen, die alle aus der unteren Körpermitte heraus gesteuert werden und ihr Zentrum ganz in sich haben. Die Kostüme, immer zwei monochrom-farbige Teile, etwa rostrot und gelb, lachsfarben und braun, dazu das blau-grün angestrahlte Netz lassen das Ganze zunächst wie ein in den bewegten Raum übersetztes Bild von Mark Rothko wirken.

Man kann Herwig also einen reinen Ästhetizismus vorwerfen. Doch auch hier liegt seine Sprache im Detail. Was entsteht, wenn die Tänzer zu einem dröhnend-pumpenden Beat erstarren? Was löst Synchronizität und deren sanfte Störung aus? Herwig stellt Fragen, die auch gesellschaftlich gesehen brennen. Doch Herwig tut das aus einer sanft-mäandernden und leisen Abstraktion heraus. Und dieser Impetus hat für die Gesellschaft und deren Anliegen gerade den vielleicht noch höheren Wert.

© SZ vom 31.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite