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Kurzkritik:Mystisch

Der Hang zum Hang: Manu Delago in der Muffathalle

Von Franziska Herrmann

Wie verwandelt man Blech in Musik? Das mystisch klingende Instrument Hang aus einer Schweizer Manufaktur ist vielleicht eine Antwort auf diese Frage. Nur fünf bis sieben Töne lassen sich den beiden miteinander verklebten Stahlblech-Halbkugeln und ihrem Hohlraum entlocken. Wer dem Instrument zuhört, kommt zu sich. Die Tonfolge entführt an einen anderen Ort: in die eigene Stille. Damit es nicht gleich zur Meditation gereicht, tritt Manu Delago mit fünfköpfiger Band in München auf; auch wenn so ein Solo-Rausch sicher eine schöne und ganz eigene Magie gehabt hätte.

Die Geschichte hinter Band und Musiker ist aber auch ein bisschen magisch: Vor 13 Jahren lud der Schweizer Künstler Delago mit "Mono Desire" eines der ersten Stücke für Hang solo auf Youtube hoch. Mehr als fünf Millionen Mal wurde es angeschaut. Die leicht verzauberte isländische Musikerin Björk entdeckte es ebenfalls, und nahm Delago als Gastmusiker mit auf ihre "Biophilia"-Tour. Es folgten viele Auftritte weltweit und ein Leben, das auch Delagos eigenen Rhythmus veränderte. Davon inspiriert, entstand nun das Live-Album "Circadian", was so viel bedeutet wie innerer Rhythmus.

In der Muffathalle wird es an diesem Abend laut um das leise Instrument. In der eine gute Stunde dauernden Choreografie von Licht und Rhythmus vermischen sich Melodien von Akkordeon und Geige mit elektronischen Beats; Klarinette und Kontrabass verwischen die Soundflächen ins Abstrakte. In einem kleinen projizierten Video-Guckloch geht langsam der Vollmond auf, und eine schöne weiße, und sicher sehr weise Nachteule, fliegt auf das Publikum zu. Es rührt einen, wenn Manu Delago sich schließlich solistisch in sich selbst vertieft. Als suche er nach Antworten, die sich in dem kleinen Blechwunder verbergen, dreht und wendet er das Hang, stellt es quer. Ungeahnte Töne brechen durch. Solche, die man selten hört. Von ganz weit unten. Kraftvoll und leicht versetzten sie das eigene Fundament in Vibration.

© SZ vom 05.10.2020
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