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Kurzkritik:Magie des Minimalismus

Der fulminante Pianist und Organist Simon Oslender in der Unterfahrt

Von Oliver Hochkeppel

Von einem 22-jährigen Jazzer erwartet man ja gerne Sturm und Drang. Der Aachener Pianist, Keyboarder und Organist Simon Oslender freilich ist kein revolutionärer Neutöner, er orientiert sich explizit an der Tradition. Am Blues der alten Hammond-Orgel-Größen und am groovigen Soul a la Crusaders, Dave Gruisin oder George Duke, dem Oslender bei seinem Doppelkonzert in der Unterfahrt dann auch ein eigenes Stück ("One For G.D.") widmete.

Revolutionär ist freilich, mit welcher Abgeklärtheit und Reife sich der Jungspund dieses Vokabular angeeignet hat. Von Oslender können sich doppelt und dreimal so Alte noch abschauen, welche Kraft Pausen, Stopps und Pianissimo entwickeln können. Lange hat man keinen mehr gehört, der so wenig Angst hat vor reinem Schönklang, Ruhe und Langsamkeit, der ein komplettes Stück wie eine Meditation durchlaufen lässt. Gerade daraus ergibt sich eine unglaubliche Wucht, zumal Oslender natürlich auch anders kann, mit rasanten Funk-Sachen ("Summer In Berlin") oder virtuosem Schweineorgel-Feuerwerk ("When It Hits You"). Was dann beim stets als letztes Zugaben-Solo gespielten "Lullaby For Tom" wieder in eine fast zu Tränen rührende Miniatur mündet. Es ist auch keine Selbstverständlichkeit, dass Oslender das Klavier ebenso filigran beherrscht wie die Orgel, sind das doch, anders als die meisten glauben, zwei in der Spieltechnik völlig unterschiedliche Instrumente.

Mit all diesen Qualitäten hat Oslender natürlich schon Aufsehen erregt. Star-Drummer Wolfgang Haffner hat ihn sich bereits gegriffen und spielt auch auf Oslenders Album-Debüt "About Time" als Gast mit, genau wie Randy Brecker und Bill Evans. In der Unterfahrt trat Oslender freilich nur mit dem Basis-Trio seiner Band an, dem im Groove-Kosmos absolut souveränen E-Bassisten Claus Fischer und dem Fusion-affinen Schlagzeuger Hendrik Smock. Was kein Schaden war. Nicht nur, weil dadurch der Zauber von Oslenders Konzept verstärkt wurde, in jeden Ton alles reinzulegen, sondern auch, weil alle Konzentration auf diesem phänomenalen jungen Mann lag, von dem man noch viel hören wird.

© SZ vom 17.09.2020

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