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Kurzkritik:Liebesaffären am Waldrand

"Halbe Wahrheiten" in der Komödie im Bayerischen Hof

Von Franziska Herrmann

Kennen Sie Bad Tölz? Hinter Unterzell? Am Waldrand? Ein lauschiger, von Blüten umrankter Ort. Bei Zeitung und Weißwurscht-Frühstück sitzen Philipp, gespielt von Sigmar Solbach, und seine ewig jugendliche Petra, Christine Neubauer, im Garten. Es könnte alles so schön sein. Doch die Ehe ist ein bisschen fad geworden. Mei, man ist eben schon lang verheiratet. Kein Wunder, dass Petra Liebespost aus anderem Hause zu bekommen scheint. Vergeblich versucht ihr der Ehemann das Bekenntnis zum Liebesabenteuer zu entlocken und erklärt: "Der Reiz an einer Affäre ist doch, dass man versucht, sie zu verheimlichen". Aha! Da muss es ja einer wissen. In "Halbe Wahrheiten" von Alan Ayckbourn, das am Mittwochabend in der Komödie im Bayerischen Hof Premiere hatte, dreht sich alles dann aber noch mehrmals.

Erst mal taucht der verliebte Flo, gespielt von Thomas Segherr, auf, weil er fälschlicherweise denkt, hier leben die Eltern seiner Franzi. Und dann kommt auch die angebetete Franzi selbst, Julia Uttendorf, aus anderem Grund. Irgendwann weiß dann keiner mehr, wer der andere eigentlich ist, und es wird sich munter gegenseitig verwechselt. Auch wenn Ayckbourns Figuren es mit der Wahrheit nicht allzu genau nehmen, sind sie der ironisch sarkastisch pointierten Sprache mächtig und wissen ihre halben Wahrheiten zu beschützen. Demnach könnte die Inszenierung von Anatol Preissler lustiger sein, wird aber gemächlich abgespult.

Unterhalten wird man dann doch noch. Vor allem Sigmar Solbach gelingt als gärtnerndem Philipp eine glaubhafte Mischung aus überspitztem Spiel zwischen Übertreibung und Ernsthaftigkeit. Die beiden Damen bleiben etwas zweidimensional und blass. Das mag auch an dem stereotypen Frauenbild liegen, das hier vorgeführt wird und das 2020 vor allem veraltet wirkt. Das Publikum scheint doch an einigen Stellen anzudocken: "In München ist es einfach zu laut, und es gibt zu viel Verkehr." Da wird dann auch klar, warum man lieber in Bad Tölz, Unterzell, am Waldrand wohnt.

© SZ vom 11.09.2020

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