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Kurzkritik:Lebenswert

Das Gärtnerplatztheater feiert Franz Lehár mit 50 Gästen

Vorm Eingang des Gärtnerplatztheaters denkt man an Sorokin. Vladimir Sorokin hat das wunderbare Buch "Die Schlange" geschrieben, das nicht von einem Tier, sondern von Menschen handelt, die in einer Schlange für etwas anstehen, von dem sie eine Sensation erwarten. Bei Sorokin ist es vielleicht ein Nylonstrumpf oder ein Klopapier, beim Gärtnerplatztheater ist es ein Operettenabend, hier wie dort steht man im Regen, bei Sorokin allerdings weniger auf Abstand bedacht.

Das Gärtnerplatztheater feiert, ein bisschen verspätet, ging ja nicht anders, den 150. Geburtstag von Franz Lehár (30. April), bittet dazu 50 Gäste auf die Bühne, stellt ein gutes Dutzend Musiker unter der feinen Leitung von Andres Kowalewitz auf den hochgefahrenen Graben und bietet acht Sängerinnen und Sänger für eine Stunde Operettengala auf. Die dürfte ruhig länger dauern, aber dafür müsste der bayerische Kunstminister erst seine Freude an der Gängelung der Künstler verlieren.

Lehár selbst ist auch da, in Gestalt von Erwin Windegger, der von der Königsloge aus ein paar lustige Anekdoten über sich, also Lehár, erzählt und sich mit dessen ewigem Ärger ob der vermeintlich strikten Genre-Trennung zwischen Oper und Operette herum schlägt. Der Abend heißt "Freunde, das Leben ist lebenswert". Ja. Lehárs ureigenes Interesse war es, den Menschen Freude zu bereiten. Freude ist systemrelevant. Kunst ist systemrelevant. Die Traurigkeit des einsamen Soldaten am Wolgastrand ist vielleicht auch systemrelevant, selbst wenn der hier gar nicht so traurig ist, weil Lucian Krasznec bei den Lehár-Hits des glühenden Lebensglücks stimmlich-hymnisch viel besser aufgehoben ist.

Das Gärtnerplatztheater verfügt ja über ein künstlerisches Personal, mit dessen Kenntnis Lehár seine Stücke einst hätte erfunden haben können. Und zwar genau auf der Linie zwischen eben den Genres. Singt Camille Schnoor von Lippen, die entweder küssen oder schweigen, dann brodelt da eine Leidenschaft, so verführerisch wie ihr rotes Kleid.

© SZ vom 19.06.2020

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