bedeckt München

Kurzkritik:Kontrastreiche Saiten

Harfe und Kontrabass überzeugen gemeinsam

Von Klaus Kalchschmid

Eine Millisekunde allzu große Spannung beim Collegno-Spiel, dem Schlagen des Bogens auf der Saite, und schon ist der 4000 Euro teure Bogen in der Mitte auseinandergebrochen. Sophie Lücke, großartige Kontrabass-Solistin des Gärtnerplatztheaters, zuckt kurz heftig zusammen, greift aber sofort hinter sich zum fünfsaitigen Bass und spielt einfach weiter mit dem Bogen, der dort hängt.

Als ob nichts geschehen wäre, bleibt die Uraufführung von Klaus Peter Weranis facettenreichem "Chanson, verwischt" für Kontrabass und Harfe ein Stück wie aus einem Guss. Anschließend passt Rebecca Saunders Solo "Fury", also "Wut" oder "Zorn", perfekt. Man fürchtet ob des wahrhaftigen Furors, mit dem Lücke die Stahlsaiten knallen und das Holz auf sie schlagen lässt, dass noch der zweite Bogen geschrottet wird. Das passiert glücklicherweise nicht und doch kneift mancher Hörer in der kleinen Galerie des "Belleparais" in Schwabing vor Anspannung die Augen zu.

Begonnen hatte der ebenso aufregende wie schöne und für vier Wochen letzte Livemusik-Abend mit Gwyn Pritchards schlicht "Music for Double Bass and Harp" genanntem Stück. Es reizt 1970 die klanglichen Kontraste und Korrespondenzen der beiden Instrumente wunderbar aus, während KP Werani sich an der Harfe, exzellent gespielt von Magdalena Hoffmann, kompositorisch fantasievoll abarbeitet. Er lässt sie etwa mit einem Papprohr oder weißem Bimsstein traktieren, um Glissandi oder ein Schnarren erzeugen zu können.

Ebenso begeisterte das als Pflichtstück für den ARD-Musikwettbewerb 2009 komponierte "Atlas Textures" von Nicolaus Richter de Vroe. Es stellt dem geräuschvoll über alle Saiten Streichen melodisch Angejazztes gegenüber, bevor am Ende der Kontrabass von atemlosem Flüstern in kaum wahrnehmbares Stöhnen übergeht. Plötzlich wird aus dem sperrigen, großen Instrument ein zartes menschliches Wesen. Das erweckt Sophie Lücke zum Leben, wie das sicher nur wenigen Kontrabassisten gelingt.

© SZ vom 03.11.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema