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Kurzkritik:Herrliches Horn

Gergievs zweites Konzert mit den Münchner Philharmonikern

Auch unter widrigsten Umständen kann man derzeit Momente des größten Glücks erleben. Natürlich ist es immer noch trostlos, mit 99 anderen in der riesigen Philharmonie zu sitzen und von den freundlichen, aber bestimmten Ordnungskräftinnen wegen des korrekten Sitz' der Schutzmaske genau beäugt zu werden. Aber dann kommt Matías Piñeira, der Solohornist der Münchner Philharmoniker, und man vergisst das alles. Wenn man solche Musiker im Orchester hat, dann braucht man keine Solostars einkaufen. Man hat sie.

Piñeira ist eben seiner philharmonischen Tätigkeit auch ein begnadeter Bandleader. Dies und der Umstand, dass er das ihn begleitende Orchester natürlich sehr gut kennt, mögen mit Gründe für die hohe musikantische Kunst seines Auftritts sein. Die Kunst auch des Zuhörens. Er spielt den Solopart von Mozarts viertem Hornkonzert, Valery Gergiev dirigiert, seltsam unverbindlich, aber das spielt keine Rolle. Denn Piñeira singt mit seinem Horn. Wundervoll zart, traumhaft sicher. Alles gelingt ihm mit einer hinreißenden Selbstverständlichkeit, feinste Schattierungen der Dynamik werden aufgefächert, technische Schwierigkeiten existieren nicht. Vor allem aber ist da dieser, wie soll man sagen, zutiefst humane Ton. Eben dieser Gesang. Abenteuerlich schön!

Davor erkundet Gergiev Rossinis "Cenerentola"-Ouvertüre ohne eindeutigen Ertrag. Es spielt die zweite Hälfte des Orchesters, die erste war am Dienstag dran, so dass in diesen kargen Zeiten fast alle Philharmoniker nun öffentlich und unter ihrem Chef spielen durften. Am Ende erweist sich Gergiev als großer Überredungskünstler. Seine Idee von Beethovens siebter Symphonie ist erfüllt von einem dunklen Heroismus, der sich zunehmend ins Großartige wandelt. Auf dieser Strecke bleibt einiges mulmig, aber voller grandioser Klangmomente, die wie in Schwerstarbeit entstanden wirken. Im Endeffekt aber doch sprachlos machen. Nach dem langen, dankbaren Applaus rufen einige Zuhörer "Danke!". Hoffentlich hat das der bayerische Hygiene-, äh, Kunstminister gehört.

© SZ vom 27.06.2020

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