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Kurzkritik:Grundnahrung

Das Gärtnerplatztheater beendet seine Saison mit "Finalissimo"

Von Egbert Tholl

Die Stimme des Intendanten kommt zu Beginn erst einmal aus dem Off: Josef E. Köpplinger erinnert an die Bedeutung der Kultur als "Grundnahrungsmittel einer zivilisierten Gesellschaft", im Balkon des Gärtnerplatztheaters sitzt Kunstminister Bernd Sibler und hört zu. Später wird Köpplinger erzählen, dass dieses "Finalissimo", die Abschlussveranstaltung der Saison, in vier Minuten und drei Sekunden ausverkauft war - ausverkauft in Dimensionen des Coronasitzplatzreglements -, dass das Gärtnerplatztheater seit Mitte Juni 70 Vorstellungen gezeigt habe und die Kultur drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmache, "mehr als die Autoindustrie". "Gehen Sie ins Theater, egal wo." Diese Aufforderung hat Bernd Sibler auch gehört.

"Finalissimo" ist eine Art Best-of der vorangegangenen Corona-Formate, eine tolle Leistungsschau des Ensembles, ein munteres Potpourri der schönsten Melodien, das durch die Ohren rauscht, ohne dass man weiter darüber nachdenken muss. Oder in einem Fall doch: Maximilian Mayer singt mit dem ihm eigenen Teflon-Lächeln "Gern hab' ich die Frau'n geküsst" von Franz Lehár. Der Text geht so weiter: "Hab' nie gefragt, ob es gestattet ist; dachte mir: nimm sie dir." Klar, andere Zeit, andere Gesellschaft, aber heute, ohne Kommentar abgesondert, mit eben einem Filou-haften Lächeln versehen, ist dies nichts als übles Macho-Patriarchat, das die "Me Too"-Bewegung auf die Palme und übergriffige Filmproduzenten oder Hochschulleiter zu Recht ins Gefängnis bringt. Doch zum Finale: tralala.

Der Teufel steckt im Detail, das Glück auch. Etwa in der strahlenden Lebensfreude von Lucian Krasznec oder im herrlichen, komödiantischen Talent von Matija Meić. Jennifer O'Loughlin zeigt mit Donizetti intelligente Stimmakrobatik, Mária Celeng mit Daniel Gutmann und Mozart besten Corona-Slapstick. Fünf Dirigenten, nur Männer, leiten das kleine Orchester, das manchmal, da nur mit fünf Streichern besetzt, etwa spitzmäusig klingt, aber mehr war wohl nicht erlaubt auf der Bühne. Schließlich bezaubert Camille Schnoor mit Perfektion und sagt einen schönen Satz (für Herrn Sibler?): "Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an und handelt." Ist von Dante.

© SZ vom 25.07.2020

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