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Kurzkritik:Gegen jede Erwartung

Akkordeonspieler Vincent Peirani mit seinem Trio in der Unterfahrt

Von Oliver Hochkeppel

Ein halbes Jahr musste man warten, jetzt hat Vincent Peirani den für April geplanten Auftritt seines Trios mit dem Gitarristen Federico Casagrande und dem Schlagzeuger Ziv Ravitz in der Unterfahrt nachgeholt. Das war ein harter Entzug nicht nur für Freunde des Akkordeons, denn Peirani beherrscht und bedient dieses Instrument wie niemand sonst auf der Welt, und als Exklusivkünstler des Münchner Act-Labels hatte man sich an seine regelmäßige Anwesenheit gewöhnt. Umso überwältigender war nun der Eindruck für die wenigen Auserwählten, die live zu den beiden Kurzkonzerten Einlass fanden.

Konsequent gegen alle Erwartungen arbeitet dieses Trio: Ravitz spielt bei harten Stücken betont weich und perkussiv, bei Ruhigem dafür mit schnellen Shots und knackigen Licks. Die E-Gitarre ist bei Casagrande selten das sonst gewohnte dominante Kraftpaket, er spielt sie zumeist lyrisch wie eine Akustikgitarre, per Synthi auch mal flächig-sphärisch oder über einen zweiten Abnehmer auf den Powerstrings als tieftönenden Bass-Ersatz. Peiranis Akkordeon wiederum ist nicht nur Melodieträger - das allerdings wie gewohnt mit atemberaubender hymnischer Kraft und einmaliger Polyphonie -, sondern noch öfter Takt- und Rhythmusgeber. Mit seinen typischen Wippbewegungen kann er zum Beispiel rasende Stakkati-Cluster erzeugen, wie sie in diesem Tempo sonst nur Sequenzer schaffen. Über die technische Ausnahmestellung dieser drei Ausnahmekönner braucht man ohnehin kein Wort verlieren, die ist nur Mittel zum Zweck: der Erschaffung ihrer immer irgendwie mediterranen Klangträume zwischen Chansoneskem, zartesten "Lullabys" und überwältigendem, manchmal Progrock-artigem Powerplay.

Ein Jammer, dass dieses Trio bislang nicht auf Tonträger dokumentiert ist, weil es laut Peirani "noch seinen musikalischen Weg sucht". Was den Bandleader angeht, kann man sich immerhin mit dem neuen Album "Abrazo" behelfen, auf dem es im Duo mit seinem ewigen Weggefährten, dem Sopran-Saxofonisten Emile Parisien, vor allem um beider Verständnis von Tango geht. Bereits am kommenden Montag ist Peirani damit wieder in der Unterfahrt zu Gast. An diese Frequenz könnte man sich gewöhnen.

© SZ vom 14.10.2020

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