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Kurzkritik:Fein elementar

Clemens Schuldt dirigiert das Münchner Kammerorchester

Von David Renke

Es ist Harmonie wie durch einen bizarren Schleier, den die elf Streicher des Münchener Kammerorchesters mit "Natura Renovatur" von Giacinto Scelsi in der Himmelfahrtskirche in Sendling zu Gehör bringen. Im dritten Programm ihrer Prolog-Konzertreihe steht endlich auch Chefdirigent Clemens Schuldt am Pult und spielt neue und alte Musik, die auf ganz eigene Weise ans Elementare geht und zu einem Teil auch Spurensuche ist. Scelsis gut zehnminütiges Werk schiebt sich wie ein sphärischer Bewusstseinsstrom durch den Kirchenraum. Die hektischen Triller der einzelnen Streicher haben keine Chance gegen das schier endlose Fließen des Tutti.

In Toshio Hosokawas Trompetenkonzert "Voyage VII" ist das ganz anders. Hier wird der Natursound in eine industrielle Metallklangwelt überführt, die bisweilen in gewaltigen Klangentladungen gipfelt. Als Solist spielt der belgische Trompeter Jeroen Berwaerts, der auch Widmungsträger des Werks ist, mit intensiver, musikalischer Souveränität. Auch hier tastet sich die Musik mehr suchend voran; statt Virtuosentum leistet Berwaerts fein abschattierte Variationen des Klangraums der Trompete, die am Ende ohne Mundstück gespielt, mit dem Kammerensemble einfach im Nichts verweht.

In diesem Zusammenhang ist es stimmig, dass das Kammerorchester die modernen Werke ebenfalls durch eine moderne Bearbeitung von Bachs "Kunst der Fuge" von George Benjamin verband. Und schließlich passt sich auch die Feuersymphonie von Haydn wunderbar in das Programm ein, weil Schuldt mit viel Körpereinsatz und zügigen Tempi durch die Partitur führt. Lebendig klingt das unter dem Strich, hält sich an keiner Stelle mit unnötigen Details auf, ist geradlinig vorgetragen und zu jeder Sekunde elektrisierend. Und dabei stammt hier der Elementen-Titel der Symphonie nicht einmal vom Komponisten selbst.

© SZ vom 14.09.2020

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