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Kurzkritik:Das MKO meldet sich imposant zurück

Von Egbert Tholl

Lange musste man darauf warten, dass das Münchener Kammerorchester wieder ins Münchner Konzertleben, so wie es jetzt halt gerade erlaubt ist, eingreift. Das Warten war ein wenig verwunderlich, denn in seiner Stammbesetzung hätte das MKO schon längst spielen können. Aber nun setzt es ein imposantes Lebenszeichen kurz vor der Sommerpause und zeigt, was für ein konzis gedachtes und fabelhaft gut gespieltes Konzert in Coronazeiten möglich ist. Nur Musik aus dem 20. und 21. Jahrhundert, beginnend mit einem politischen Fanal: "I can't breathe".

Nein, Georg Friedrich Haas schrieb dieses Trompetensolo nicht jetzt. Er schrieb es vor sechs Jahren, nachdem, wie Haas sagt, die Polizei auf Staten Island in New York "amtshandelte". Eric Garner hatte Zigaretten gekauft, und er war schwarz. Das reichte für die Polizisten. Sie amtshandelten. Und der an Asthma leidende Garner starb. Seine letzten Worte waren: "I can't breathe!" Immer wieder wiederholt sich in den USA dieselbe weiße Staatsgewalt gegen Afroamerikaner. Auch damals gab es "Black lives matter"-Demonstrationen.

Haas schrieb einen Trauergesang, eine zwölftönige Klage, deren Klangraum sich immer wieder verengt, von verschiedenen Dämpfern bis zur Tonlosigkeit zurückgenommen wird. Unmittelbare Klangumsetzung der krassen Gewalt, die das Opfer erleiden muss einerseits, andererseits aber auch das letzte Aufbäumen eines einzelnen Individuums. Seine Korrespondenz erhält das Stück am 25. Juli im Garten der Villa Stuck, wenn das MKO Ives' "The Unanswered Question" spielt. Marco Blaauw, ohne dessen so unscheinbar wirkende Virtuosität an der Doppeltrompete dieses Stück kaum denkbar ist, beschwört im stark verdunkelten Carl-Orff-Saal die Existenz des Opfers wie in einer Séance. Beklemmend, und so großartig wie der Rest des Abends, Góreckis Trio für drei Streicher im Raum verteilt, Coplands liebevolles "Quiet City", Xenakis' schrundiges "Voile" oder das betörende "Aheym" von Bryce Dessner. Dirigent Clemens Schuldt und das MKO in Bestform!

© SZ vom 20.07.2020

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