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Kunstaktion "Zimmer frei" im Hotel Mariandl:Nur einen Flügelschlag vom nächsten Traum entfernt

Auch in Coronazeiten macht das Hotel Mariandl für Studierende der Kunstakademie elf "Zimmer frei"

Von Marleen Beisheim

Ein Schnaufen, ein Grunzen, ein rhythmisches Atmen kommt aus Zimmer 24. Ein riesiges schwarzes Flügelpaar bedeckt die Hälfte des Bettes und den Boden. Im Rhythmus des Atmens bewegt sich der Flügelkörper auf und ab, als sei er lebendig. Von der anderen Seite des Bettes erkennt man: Ein Motor stemmt die Flügel nach oben und deren Reibung erzeugt das Geräusch. Milena Wojhan möchte einen surrealen Raum erschaffen, in dem die Besucherinnen und Besucher die Realität in Frage stellen.

Wand an Wand entfaltet sich im Hotel Mariandl ein Mikrokosmos neben dem anderen. Zwei Etagen und insgesamt elf Zimmer werden derzeit nicht von Hotelgästen bewohnt, sondern von Künstlern, Gestalten und Ideen. Die Projektionen, Rauminstallationen, Inszenierungen und Performances werfen Fragen auf und geben Hinweise, aber keine Antworten.

Die Kunstaktion "Zimmer frei" hat Tradition im Hotel Mariandl. Seit 2000 überlässt Hotelbesitzer Rudi Bayer einmal im Jahr die Räumlichkeiten Studierenden der Akademie der Bildende Künste in München. Dieses Jahr findet sie - wie alles - unter coronabedingten Auflagen statt. Zur Eröffnung stehen die Besucher vor dem Hotel Mariandl Schlange und warten. Jeweils sechs Personen dürfen zehn Minuten lang auf einer der beiden Etagen in die Zimmer-Welten eintauchen. Anschließend wird gewechselt. Im Flur treffen die Besucherinnen und Besucher aufeinander, aber in den einzelnen Zimmern ist man allein oder mit Bekannten.

In diesem Jahr hat die Verwandlung des Hotels schon im Juni als Antwort auf die Coronamaßnahmen begonnen. Drei der teilnehmenden Künstlerinnen haben Trennwände gestaltet, die zwischen den Tischen vor dem Café am Beethovenplatz platziert sind.

Installation von Aylin Neuhofer.

(Foto: Robert Haas)

Während Aylin Neuhofer ihren Teil der Ausstellung im Sommer vorbereitet hat, war sie im Hotel Mariandl einquartiert. Das Zimmer, das die Malerin bewohnte, inspirierte sie zu ihrer Installation "Babygirl" in Zimmer 20. Schon beim Betreten des Zimmers kann man trotz des obligatorischen Mund-Nasen-Schutzes den Duft von Rosen wahrnehmen. Bettlaken und Vorhänge sind aus schwarzer Teichfolie gefertigt und erinnern an Fetischartikel. Alle Textilien des Hotelzimmers hat die Künstlerin ausgetauscht, bemalt oder mit Glitzer besprüht. Grell beleuchten weiße Neonröhren bunte Gemälde, "Ivory" steht darauf. Sie bewohnt dieses Zimmer.

Johannes Kronach nennt seine Installation in Zimmer 10 "Recreational Things". Ein monotones Brummen erfüllt den abgedunkelten Raum. Auf dem Kopfkissen des Bettes ruht ein Bildschirm, über dessen dunklen Hintergrund kontinuierlich weiße Zahlen und Buchstaben rauschen. Verbunden ist der Monitor mit einem rot blinkenden Server, der in der Mitte des Bettes liegt. Spurensuche in Zimmer 23, gestaltet von Boris Maximowitz. Eine Pistole lugt aus dem Nachttischschrank. Leere Sektflaschen und Bierdosen liegen auf dem Boden. Eine zerbrochene Vase hängt eingerahmt an der Wand. Es dröhnt. Folgt man dem Geräusch bis zur halb geöffneten Badezimmertür, so erblickt man auf einem Bildschirm einen muskulösen, großgewachsenen Mann. Die Szene ist in Schwarz-weiß, außer seinem rosafarbenen Tutu und einer blauen Vase, die er grazil mit den Fingerspitzen hält. Die Vase fällt. Es dröhnt wieder.

In Zimmer 11 läuft man auf schwarzer Plane. Stuhl und Schrank sind mit weißen Tüchern umhüllt. In der Mitte steht ein Bett auf weißen Kissen. In dem Bett: keine Matratze und kein Lattenrost, nur ein Laken ist darin aufgespannt. Schwarze Kissen drücken das Laken nach unten. Darunter eine Lache mit schwarzer Farbe. Das "Gewicht der Träume" wird hier von Hyunsung Park dargestellt.

Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen in Zimmer 25. Lächelt man den ehemaligen Geldspielautomaten an, so lächelt ein Gesicht auf einem Bildschirm zurück. Dreht man den Kopf, dreht sich auch das Gesicht des Gegenübers. Die Besucherinnen und Besucher interagieren mit Nico Kieses Installation "Mimimat". Letztendlich bleibt es jedoch ein von Bernhard Slawik programmierter Algorithmus. Die Mimik hinter der Mund-Nase-Bedeckung kann dieser nicht erkennen.

Der Mikrokosmos eines jeden Zimmers beschränkt sich auf die vier Wände. Zurück auf dem Flur mischen sich Gemurmel und bizarre Klänge.

Zimmer frei 2020, Hotel Mariandl, Goethestr. 51, Di. bis So., 13.-18. Okt., 12-22 Uhr, Finissage mit der Band "Leonie singt": So., 18. Okt.

© SZ vom 15.10.2020
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