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Kunst-Projekt:Alle unter einem Dach

In Polling verwirklicht der Künstler Bernd Zimmer sein Projekt "Stoa169" - eine der Antike nachempfundene Halle auf der freien Wiese, deren Säulen von verschiedenen Künstlern aus aller Welt gestaltet werden

Langsam senkt sich der goldene Knoten auf den Stamm. Bildhauer Ingo Hipp aus Unterammergau dreht, klopft, winkt, der Kran hebt den oberen Teil der Säule wieder leicht an. Herauszufinden, wie die beiden von Hipp geschnitzten und vergoldeten Teile aus Eichenholz exakt aufeinanderpassen, ist mühsame Millimeterarbeit. Ob Magdalena Jetelová die Ausrichtung ihrer "Knotensäule" als gelungen empfinden würde, bleibt einstweilen ohnehin offen. Die tschechische Bildhauerin ist krank, kann die Aufstellung ihres Werks in der künftigen Säulenhalle "Stoa169" in Polling nicht mitverfolgen. "Aber sobald es ihr besser geht, kommt sie und legt letzte Hand an", sagt Hipp.

Bernd Zimmer trägt derlei Unsicherheiten gelassen. Allmählich legt sich die innere Unruhe, die den Maler angesichts der ganzen "Statiksäulen" befallen hatte. Nicht dass er in diesen Tagen an seiner Säulenhalle, über die er seit einer Reise nach Südindien vor mehr als 30 Jahren nachgedacht hat, gezweifelt hätte. Ihn erschütterte eher die Erkenntnis, dass er es tatsächlich gepackt hat, seinen Lebenstraum zu verwirklichen. "Ach was, Lebenstraum" - Zimmer schüttelt energisch den Kopf. Das klingt viel zu pathetisch. "Das ist eine Idee, ein Konzept und das habe ich jetzt umgesetzt", sagt er und durchquert mit schnellen Schritten das Stelenfeld, zählt auf, welcher Künstler wo landen wird.

Die breiten Stahlsäulen sind für die Fotokünstler Katharina Sieverding und Jürgen Glauke reserviert, Franz Ackermann wird direkt auf eine Betonsäule malen. Schon fertig ist die fabelhaft bunte "Wave"-Säule des Kubaners Diango Hernandez, ebenso die glatte Marmorsäule der türkischen Künstlerin Ayse Erkmen. "Die war schwer aufzustellen, sie rutschte uns fast aus den Gurten." Da die Halle ein Dach erhält, verlangen die Statiker, dass die meisten der Künstlersäulen mit einer "Kernsäule" aus Stahlbeton verstärkt werden. Noch ragen die meisten unverkleidet in den Himmel, aber peu à peu verschwindet ein Gerippe nach dem anderen unter einem Kunstwerk.

Jens Lehmann steht gerade neben seiner aus Dreiecken zusammengesetzten Alu-Säule, einem "konstruktivistischen Hotel für Insekten". Der Künstler aus Offenbach wirkt zufrieden. Immerhin habe er bei der Aufstellung dabei sein können, sagt er, wenn er schon corona-bedingt die Fertigung in einer Metallbauwerkstatt nicht miterleben konnte. "Das war spitze, als das Ding vorher durch die Luft auf seinen Platz schwebte", sagt er. Zimmers Konzept überzeugte ihn von Anfang an. Eine Säulenhalle auf eine Wiese zu setzen und sie dann der Natur zu überlassen, unterscheide sich schon wesentlich vom üblichen Ausstellungsbetrieb. "Die Halle wirkt wie vom Himmel gefallen", schwärmt er. "Wenn dann später noch Kühe um sie herumstehen..." Bevor er eine allzu perfekte Idylle skizziert, eilt Zimmer wieder herbei. Er hat gerade einen Lastwagenfahrer besänftigt, der warten muss, bevor die Säule abgeladen wird. Erst muss ein Hubwagenaufgetrieben werden.

Seit April läuft die Aufstellung. Zur Premiere wurde "Escape" von Karl Horst Hödicke installiert, einem von Zimmer hoch geschätzten Künstler, weil Wegbereiter der "Jungen Wilden". Hödicke unterrichtete als Kunstprofessor in Berlin Salomé und Helmut Middendorf, mit denen Zimmer 1977 die berühmte Galerie am Moritzplatz gründete. Aber darüber will der Maler gerade nicht reden, er blättert eben in seinem Aufstellungsplan. Ungezählte Male hat er die Platzierung im Kopf durchgespielt. "Fast wie Schach." Letztlich wisse er erst, wenn die Säulen stehen, ob die Kontraste funktionieren, ob die nigerianische Blechfasssäule von Sokari Douglas Camp das brave Kind, das der Schweizer Yves Scherer zu einem Schmetterling hochblicken lässt, nicht optisch erdrückt. "Aber bis jetzt habe ich nichts umplatziert." Künstlerische Hierarchien gibt es jedenfalls nicht. Eine Änderung aber gibt es schon: 169 Säulen, wie ursprünglich geplant, werden es nicht mehr. Jedenfalls nicht jetzt. Zimmer begnügt sich mit 121 und will eine mögliche Erweiterung der nächsten Generation überlassen. "Das hat was mit meinem Alter zu tun", sagt der 72-Jährige. Und auch mit dem mancher seiner Künstlerkollegen. Per Kirkeby und A. R. Penck wollte Zimmer unbedingt dabei haben; beide hatten zugesagt, beide sind inzwischen gestorben. Andere wie Gerhard Richter oder Richard Serra entschieden sich, mit Hinweis auf ihr fortgeschrittenes Alter, gegen die Teilnahme. Weitere Wunschkandidaten, darunter Marina Abramović, sagten ab, weil sie andere künstlerische Konzepte verfolgen. "Die so entstandenen Lücken will ich nicht einfach mit jüngeren Künstlern auffüllen, das würde mein ausbalanciertes Drei-Generationen-Konzept zerstören", sagt Zimmer. "Dann machen wir es lieber kleiner." Der Name Stoa169 bleibt unverändert, aber die Grundfläche der Halle reduziert sich um 800 Quadratmeter.

Den Jungen wird trotzdem viel Platz eingeräumt, auch jenen, die noch an der Akademie studieren. Neun Plätze in der Mitteldiagonale sind Kunstakademien vorbehalten. Die erste Säule gestalten Studierende aus München, im nächsten Jahr folgt eine amerikanische Akademie. Und es gibt auch "Eisenhaut", eine Säule aus Polling, gefertigt von Johann Friedrich Glas und Matthias Johann Glas. Ob der lokale Beitrag freilich die immer noch murrenden Gegner der Säulenhalle beruhigt, ist fraglich. Dabei ist es wirklich bewundernswert, wie es Zimmer gelungen ist, renommierte Künstler aus allen Kontinenten von seinem Projekt zu überzeugen und auf einer Wiese in Polling zu vereinen.

Wenn der Maler nicht die Baustelle managt, kochen er und seine Frau Nina derzeit meist Suppen aus Rinderkniescheiben. "Eine richtige Tortur." Dafür kennt er inzwischen alle Metzger der Umgebung, die ihm die Knochen liefern mussten. 1800 Stück braucht Shaarbek Amankul für seine Säule. Der Künstler aus Kirgisistan lasse sich in seinen Werken gern von der traditionellen Lebensweise der Nomaden inspirieren, sagt Zimmer.

Selbstredend hatte er auch nichts dagegen, dass Roman Signer, Schweizer Bildhauer und Aktionskünstler, das rote Faltboot, wesentlicher Bestandteil seiner Säule, erst in seinem Wohnzimmer aufbaute. Im Vergleich dazu wirkt Erwin Wurms silberne Gurken-Säule nahezu klassisch einfach. Unweit davon leuchtet blau die "Kosmos-Säule", Zimmers eigener Beitrag. Jede der 3,90 Meter hohen Säulen erzählt ihre eigene Geschichte, oft geprägt von dem Land, aus dem der Künstler stammt. So hat Fiona Hall mit ihrer "Fibonacci Säule", einem verbrannten Baumtorso mit künstlichen Ästen, die australischen Buschbrände vorweggenommen.

Im Juli kommt das Dach der Säulenhalle. Bis September sollen 81 Säulen stehen, eine kleine Feier ist geplant. Die große Eröffnung mit 121 Säulen folgt 2021. "Ist doch ein schönes Bild: die Weltgemeinschaft friedlich unter einem Dach vereint", freut sich Zimmer, bevor er wieder losspurtet. Die Lehmsäule von Hannsjörg Voth, einem deutschen Wegbereiter von Konzeptkunst und Land Art, ist im Anmarsch. Und der Hubwagen fehlt schon wieder.

© SZ vom 02.06.2020

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