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Kultur:Warte nur!

In Nikolai Vogels Roman "Angst, Saurier" muss sich der Protagonist aus Furcht vor wütenden Bestien in der Wohnung verschanzen. Der Autor liest den bislang unveröffentlichten Text nun täglich auf Youtube

Quarantäne ist eine venezianische Erfindung. Im 14. Jahrhundert, als die Pest durch Europa zog, mussten ankommende Schiffe quaranta giorni, 40 Tage also, im Hafen bleiben. Wahrscheinlich wählte man deshalb die Zahl 40, weil sich laut Bibel einst auch Jesus ebenso lange in der Wüste abschottete, um zu fasten.

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Dieses Ungetüm steht in sicherer Entfenrung im Dinopark Münchehagen.

(Foto: Christophe Gateau/dpa)

Gute Gründe für den Schriftsteller Nikolai Vogel, nun auch 40 Tage lang seinen Roman vorzulesen. Online und öffentlich, in zehnminütigen Sitzungen auf YouTube. "Angst, Saurier" heißt die Geschichte, und sie handelt von Nikolai Vogel selbst. Darin wacht er morgens auf, blickt aus dem Fenster und sieht Saurier auf dem Dach der Nachbarn herumkrabbeln. Ja, ebenjene urzeitlichen Biester, die seit Millionen Jahren ausgestorben sind. Im Roman nicht. Da dringen sie putzmunter in die Häuser ein, hungrig auf Menschenfleisch. In Todesangst verschanzen sich Nikolai und seine Partnerin Silke im Flur ihrer Wohnung, dem einzigen Raum ohne Fenster. Zu trinken haben sie nur Wein - weil das Weinregal im Flur steht - und können nicht ins Badezimmer, nirgendwohin. Sie harren aus. Nikolai Vogel hat diese wahnwitzig-grausige Geschichte selbst erlebt. Nicht im echten Leben freilich, dafür aber im Traum. "Ich habe sehr realistisch geträumt, dass Saurier auf dem Dach hocken", sagt Vogel. "So entspann sich das Gedankenspiel: Was hätten wir machen können?"

Die Antwort ist eine romangewordene Autofiktion, ein beängstigend realistisches Kammerspiel. Das liegt vor allem an der assoziativen Sprache Vogels, die mit inneren Monologen und Dialogen im Wechsel spielt: Auf Adjektive größtenteils verzichtend, vielmehr stoisch erzählend, was sich auf den paar Quadratmetern Flur abspielt, während ringsherum das Grauen tobt. Genau das macht "Angst, Saurier" so intensiv.

Zum Fressen gern haben Saurier die Menschen im Text von Nicolai Vogel, den er zu Hause in die Handykamera spricht.

(Foto: Privat)

"Es ist kein klassischer Quarantäne-Roman", sagt Nikolai Vogel heute. Den Text hat er lange vor Corona geschrieben, nämlich schon 2017, zudem sei das Setting "viel krasser". Dennoch sei es ihm passend erschienen, "Angst, Saurier" nun aus der Schublade zu holen und vorlesend zu veröffentlichen - obwohl bisher kein Verlag Interesse angemeldet hat und ihm die Vorleserei finanziell nichts nützen wird. "Ich habe mir überlegt, was ich tun kann, um meine Zeit sinnvoll zu nutzen und kreativ zu bleiben", sagt Vogel. Auch ihn hat die Corona-Krise hart getroffen, arbeitet er doch nicht nur als Autor, sondern auch als Künstler, plant Ausstellungen, steht in seinem Atelier und spricht mit Kunden. All das falle nun weg. Stattdessen spricht er jetzt jeden Abend in seine Handykamera, die er beim Vorlesen selbst hält. Extra einen Youtube-Channel hat er sich angelegt - obwohl er sonst lieber in der analogen Welt unterwegs ist, wie er selbst auf seiner Homepage schreibt.

Das Setting der Videos ist extrem minimalistisch - der Zuschauer sieht Vogel in Porträteinstellung, untersichtig gefilmt. Arg kahl und gleißend fällt da die Deckenbeleuchtung auf, die Vogel im Laufe der Lesungen noch löschen wird, nämlich wenn im Roman der Strom ausfällt und sich das Protagonistenpaar in völliger Dunkelheit wiederfindet. "Ich will nicht versuchen, die Handlung nachzuspielen", sagt Vogel dazu. "Wenn ich einen Text habe, dem ich vertraue, dann würde ein ausladendes Brimborium zu sehr davon ablenken." Tatsächlich funktioniert der in schnellem Erzähltempo geschriebene Text erstaunlich gut als Lesung. Die extrem präzise Sprache erzeugt, wenn auch teils auf unangenehme Weise, Bilder im Kopf. Vogel liest flüssig, an spannenden Textstellen schneller, bei inneren Monologen sinnierend. Sein Text eignet sich ideal zum Vorlesen.

Seine Zuschauer dürften sich gewissermaßen wiederfinden in den beklemmenden Schilderungen des Eingesperrtseins. Freilich, die Coronakrise erlaubt zwar, nach draußen zu gehen. Die Unsicherheit aber, wann denn nun alles wieder wie vorher sein werde, ist gleich. Auch die Protagonisten werden von der Hoffnung angetrieben, dass das Eingesperrtsein nicht auf Dauer sein würde. Es bewahrt sie davor, wahnsinnig zu werden. Die frappierendste Ähnlichkeit zwischen der aktuellen, realen Situation und dem fiktiven Setting im Roman aber ist die zwischenmenschliche Ebene, die des jetzt viel beschriebenen "Lagerkollers", das Aufeinandersitzen mit den Mitbewohnern, Partnern, der Familie. Im Text ist es ein Paar, das zusammengepfercht miteinander auskommen muss.

Ob es sie näher zusammenbringt oder ob es "entsetzlich krachen" wird, wie Nikolai Vogel sagt, will er noch nicht preisgeben. In jedem Fall aber ist "Angst, Saurier" auch eine sehr intensive Beziehungsstudie. Und man wünscht sich, dass Silke und Nikolai im Text gestärkt aus dieser Krise gehen.

Nikolai Vogel: Angst, Saurier, täglich neue Episoden, abrufbar unter www.youtube.de im Channel Nikolai Vogel: Angst, Saurier

© SZ vom 27.03.2020
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