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Kritik:Lügengefecht

Das Blaue vom Himmel
Komödie im Bayerischen Hof

Selbst mit Schwert kann Bernard (Marko Pustišek) seine Nelly (Mariella Ahrens) nicht mehr überzeugen.

(Foto: Alvise Predieri)

Freiluft-Premiere mit "Das Blaue vom Himmel"

Von Barbara Hordych

Wenn man mal zusammenrechne, was es koste, ein Mädel einzuladen, bis man es herumkriege und es später wieder los zu werden und das alles vergleiche mit dem, was einen ein Tête-à-Tête mit einer Prostituierten koste, spreche die Bilanz doch für sich, rechnet Bernard (Marko Pustišek) seinem konsterniert dreinblickenden Freund Philippe (Harald Effenberg) vor. Ganz klar, dieser Bernard erweist sich mit seiner Kosten-Nutzen-Rechnung Frauen gegenüber als selbstbezogener Macho, ungeachtet der Tatsache, dass er verheiratet und Vater eines dreizehnjährigen Sohnes ist. Dass er aber auch alles andere als "Mon meuilleur copain", also "Mein bester Freund" ist, wie der französische Originaltitel von Éric Assous' Boulevardkomödie von 2011 behauptet, beginnt man bei der Premiere unter blauem Abendhimmel ebenfalls recht schnell zu ahnen.

Das boulevardeske Verwirrspiel, das Dieter Hallervorden unter dem Titel "Das Blaue vom Himmel" ins Deutsche übertragen hat, eröffnet die neue Freilichtbühne, die Thomas Pekny, Intendant der Komödie im Bayerischen Hof, in Untergiesing auf einer Wiese beim Gastgarten Siebenbrunn errichtet hat. Während auf der Bühne der geschäftsorientierte Bernard den gutmütigen Philippe dazu überredet, als "Freundschaftsdienst" seine Affäre mit der jungen und natürlich blonden Soraya (Felicitas Hadzik) als die eigene auszugeben, quietschen ein paar Meter weiter leise zwei Schaukeln auf dem Kinderspielplatz.

"Eigentlich ist Wahrheit etwas für verlogene Moralisten", beteuert Bernard, wenn er sich als moderner Lügenbaron mit immer neuen Winkelzügen vor Frau und Freunden aus der Affäre zu ziehen versucht. Doch spätestens als sein Freund Philippe realisiert, dass sein eigenes Liebesglück mit seiner Lebensgefährtin Alice (gar zu tränenreich: Susanne Eisenkolb) auf dem Spiel steht, greift er zur Gegenwehr - und lässt Bernards immer höher getürmtes Lügengebäude einstürzen.

Die mit wortreichem Witz und Dynamik vorgeführte Demontage eines egozentrischen Ekelpakets, eine Spezialität des im vergangen Jahr verstorbenen Boulevarddichters Assous, verfolgt man mit großem Vergnügen. Zudem Hauptdarsteller Pustišek auch als Regisseur das richtige Gespür für komödiantisches Timing besitzt. In diesem Abgesang auf eine Männerfreundschaft, in der es um die Frage geht, welche Übergriffe der eine bereit ist hinzunehmen, um die Forderungen eines anderen zu erfüllen, geraten die Frauen allerdings ins Hintertreffen. Trotzdem gelingt es vor allem Mariella Ahrens als Bernards bodenständiger Ehefrau Nelly, dagegenzuhalten und eigene Akzente zu setzen.

"Seit Jahren fahre ich an diesem Gasthaus mit seinem verwunschenen Biergarten vorbei", erzählte Theaterleiter Pekny vor der Vorstellung. Im Winter sei er dann auf die Idee gekommen, den Gastwirt auf die Möglichkeit einer Sommerbühne anzusprechen. Was als "Verzweiflungstat" im Lockdown Gestalt annahm, könnte sich in den kommenden Wochen als Glücksgriff erweisen.

Das Blaue vom Himmel, Donnerstag - Sonntag, bis 25. Juli, Freiluftbühne im Gastgarten Siebenbrunn

© SZ vom 23.06.2021
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