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Konzertkritik:Klangzauberer

Das "Leo Betzl Trio" konzertiert im Jazzclub Unterfahrt

Von Dirk Wagner

Livestreams im Internet sind für Musiker ein beliebtes Mittel, um sich trotz des Corona-bedingten Versammlungsverbots einem Publikum zu präsentieren. Oft sind das aber solche Wohnzimmerkonzerte, die mehr Beschäftigungstherapie für Künstler in Quarantäne bieten als Musikgenuss für die Fans. Deutlich ambitionierter fallen dagegen jene Online-Konzerte aus, die auf regulären Konzertbühnen vorbereitet werden, um dort unter Live-Bedingungen, nur eben ohne Publikum vor Ort stattzufinden. Etwa das Konzert des Münchner Leo Betzl Trios, das am Wochenende ohne Zuschauer im Kellerclub der Unterfahrt ebendort die Jazzmusik mit Stilmitteln des Techno zur modernen Tanzmusik aufbereitete. Eine Tanzmusik im Übrigen, die sich schon in den entsprechenden Clubs als partytauglich bewährt hat.

Sieht man von anfänglichen Ton- und Bildausfällen auf den für die Konzertübertragung genutzten Internetseiten ab, geriet die konzertante Darbietung von LBTs Musik dank der vier dokumentierenden Kameras im Saal auf den heimischen Bildschirmen auch zu einem visuellen Vergnügen. Wenn etwa im spannenden Musikfluss des Leo Betzl Trios erst das Augenmerk auf das Saitenspiel des Kontrabassisten ihm jene merkwürdigen Sounds zuschrieb, die ein wenig an Vogelkreischen erinnerten, zugleich aber auch ungreifbare elektronisch anmutende Klangfarben entfalteten. Und es machte Spaß, zu beobachten, wie perkussiv der Pianist mit einer Hand in die Tasten drosch, derweil seine andere klangmanipulierend in die Saiten des geöffneten Konzertflügels griff. Erst recht aber faszinierte der virtuose Schlagzeuger, der auch mal klangverspielt auf Fahrradfelgen trommelte. Fast meint man, ob solcher Beobachtungen die akustischen Zaubertricks von LBT optisch entschlüsselt zu haben. Tatsächlich entwickeln die drei Klangzauberer aber erst mit solcher vermeintlichen Entschlüsselung ihre wahre Magie. Denn schließlich ist ihre Musik kein bloßer Zaubertrick sondern wahre Zauberei. Darum zieht sie die Zuschauer daheim auch ohne den stimmungssteigernden Beifall eines Live-Publikums in ihren Bann.

© SZ vom 20.04.2020

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